Von Minderheiten, Städtebau und Umwelt

Ein eher entspannter Tag liegt hinter mir. Das Aufstehen allein hat heute 2 Stunden in Anspruch genommen. Nach den aufregenden letzten Tagen auch ganz gut so. Etwas Ruhe von Zeit zu Zeit, sonst habe ich ja plötzlich das Gefühl auf der Arbeit zu sein. Und das wollte ich ja dann doch vermeiden. Die Dusche in meinem Zimmer hat dann ebenfalls einige Zeit in Anspruch genommen, das das warme Wasser lange auf sich warten lässt. Als überzeugter Warmduscher heißt es standhaft warten bis endlich das warme Wasser plätschert und das dauerte heute etwa 30 Minuten. Man hat ja einen Ruf zu verlieren!
Der Tag war dann schon fast um und ich habe mir ein wenig mehr diese Stadt angeschaut und tatsächlich einen wunderschönen verwunschenen Markt gefunden – im muslimischen Viertel. Ja, es gibt hier ein muslimisches Viertel und das schon seit etwa 1200 Jahren. Die entsprechende Moschee könnte aber auch als chinesischer Tempel durchgehen. Architektonisch sehe ich da nicht so viele Unterschiede. Die chinesische Kultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie in der Lage ist die verschiedensten Einflüsse in ihrer Kultur aufgehen zu lassen. Wer Raumschiff Enterprise kennt: ich bin hier im Reich der Borgs – alles wird assimiliert! Auf unseren Globus bezogen macht das einigermaßen Angst – bedenke man doch, dass die Chinesen sich ja nicht nur auf ihr eigenes Land beschränken, sondern derzeit hübsch auf Einkaufstour weltweit sind.
Auf diesem Markt kam ich mir dann tatsächlich vor wie auf einem orientalischen Markt. Viele nette kleine Süßigkeiten gibt es dort zu kaufen. Nach drei Wochen Abstinenz wird’s Zeit für Süßes! Wobei die chinesischen Süßigkeiten gar nicht so süß sind. Es gibt köstliches Gebäck, welches in seiner Konsistenz eher an Marzipan erinnert, aber halt weniger süß ist. Dann gibt es Unmengen an getrockneten Früchten. Kiwis, Bananen, Kirschen, Pflaumen usw. War mir neu was man so alles trocknen kann. Und das allerbeste ist eine Art türkischer Honig. Die nächsten Tage bin ich dann versorgt. Bei allem orientalischen Anschein, die Borgs sind allgegenwärtig: Mao-Bibeln, Mao-Bilder, chinesische Malereien, Mahjjong-Spiele und manch anderes gibt’s zu kaufen. Überhaupt Mao. Er ist zwar schon 30 Jahre tot, aber der Personenkult hält an. In Peking wollte ich ins Mao-Mausoleum, doch das ist derzeit geschlossen – Waschen, Legen, Fönen, Schminken und zum Abschluss etwas Maniküre: Er wird gerade für die Olympischen Spiele im nächsten Jahr aufgemotzt…
Schade, dass diese Märkte in den Gassen dabei sind auszusterben. Hier wird nicht lang diskutiert. Einer bestimmt, dass das Viertel abzureißen ist und dann geht’s recht flott: Menschen raus, Räumkommando rein, Grube graben, Neubau. Fertig! Das alles in einem Zeitraum von höchstens einem Jahr. Schade, denn es geht so viel Flair verloren. In Peking war es nicht so leicht noch alten Baubestand zu sehen. Hier ist es ebenso. Alles ist auf neu getrimmt. Es mag ja sein, dass es für den armen Chinesen erstrebenswert ist ein schönes Zuhause zu haben, allerdings bezweifele ich sehr, dass alle in einem Arbeiterschließfach glücklich sein werden. Zudem bezweifele ich weiterhin, dass diese Neubauten den armen Chinesen zugute kommen, angesichts der Unmengen an Bettlern, die hier herumlaufen.
Stadtplanung läuft hier halt von und für oben. Jetzt frage man sich was schlimmer ist – Kapitalismus oder Sozialismus. China entscheidet sich nicht für eines, sondern gleich für beides und kombiniert dabei – eine Kunst – die negativen Auswirkungen. Schade auch, dass Hostels, wie das, in dem ich wohne, nicht mehr möglich sein werden. Es ist ein Gebäudetrakt, der sich über 3 Höfe, um die die Gebäude angeordnet sind, zieht. Sehr idyllisch und ruhig. Liebevoll mit alten Möbeln, Lampen und allerlei Schnickschnack ausgestattet. Geführt von einem Amerikaner, der die Zeichen der kapitalistischen Zeit hier erkannt hat.
Aber letztlich ist das Stadtbild dann ja auch egal – bei der Umweltverschmutzung, die hier offensichtlich landesweit herrscht, sieht man demnächst nichts von den Betonklötzen. Von den 20 Städten weltweit, die am schlimmsten verpestet sind, liegen 16 in China. Nun, wenn man das hier so mitbekommt, nicht verwunderlich. Dieses Land hat massive Probleme mit dem Umweltschutz. Gestern wehte wohl ein stärkeres Lüftchen und ich konnte nicht weit entfernt Berge erkennen. Selbst die sieht man nur zufällig (siehe Thema Zufälle). Hatte mich schon gewundert, denn auf den Postkarten sieht man wunderschöne Landschaften, die ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe. Ich habe in diesem Land erst einen halbwegs klaren Tag erlebt, und das war nördlich von Peking auf der großen Mauer.
Mir stellt sich die Frage ob bei der Lösung des Problems der Überbevölkerung, neben der Ein-Kind-Politik, vielleicht auch modernere Wege beschritten werden….

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Ich höre den Klimaschützer aus dir sprechen, ich glaube es ist noch viel schlimmer. Also genieße die letzten Monate:-) Schön das es in China auch so tolle Hostels gibt.
lg Chris

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