Am Yangtze

Der gestrige Abend besteht aus einem zweiten Kaffee bei Mac Donalds und dem langsamen Zurückschlendern durch einen Park direkt am Yangtze-Fluss. Und das ist mein Ausflug in das West-Deutschland der 70er Jahre. Ein Volk amüsiert sich und ist „wieder“ wer. Die halbe Stadt vergnügt sich durch allerlei gebotene Kurzweil. Da der Yangtze aufgrund der vielen Regenfälle der letzten Zeit über die Ufer getreten ist, entsteht eine pittoreske Landschaft bestehend aus Trauerweiden im Wasser und Booten, die dazwischen vor sich hin dümpeln. Auf dem Wasser spiegeln sich die Lichter der Stadtteile auf der anderen Seite des Flusses. Einige Chinesen promenieren entlang dieser neuen Uferlinie. Viele schwimmen bzw. planschen – ist das doch die ideale Abkühlung bei Temperaturen um die 35°C. Der weitaus groessere Teil jedoch watet durch die neue Uferlinie. Das muss ein evolutionäres Überbleibsel aus Zeiten der Reispflanzerei sein. Damengrueppchen raffen kollektiv die Röcke und stapfen wacker durchs oberschenkelhohe Wasser, sich dabei angestrengt unterhaltend und zwischendurch giggelnd und juchzend als täten sie etwas Unschickliches. Eine kleine Welle und schon ist das Raffen umsonst. Ein noch größeres Juchzen durchfährt das Parkgeschehen. Ein Volk bei einer Kneipp-Kur - abstruser Anblick.
Im Hintergrund wütet ein Monstergewitter, der Nachthimmel wird von wunderschönen Blitzen durchzogen.
Auch ich bade meine Füße im Yangtze und es ist wunderbar. Gibt es dazu eigentlich irgendetwas Biblisches? Fledermäuse durchziehen die anbrechende Nacht und mir wird mulmig bei dem Gedanken an die Legenden, die diese Tiere umranken und der Tatsache, dass ich doch das einzige blonde Subjekt weit und breit bin. Ich schlendere weiter, passiere ein Freilichtkino, in dem gerade ein chinesischer Film beginnt, der zum Inhalt das Jahr 1946 hat. Chinesen waten diesmal nicht durchs Wasser, sondern durch Ruinen, welche die Japaner hinterlassen haben. Das Vergessen der japanischen Untaten wird einem hier nicht ermöglicht – Propaganda allerorten. Ein wenig weiter Geräte zur Erhaltung des gesunden Volkskörpers. 70jährige machen Klimmzüge, Kinder turnen herum. Aus der Ferne – um das Bild abzurunden: ein Blasorchester, im Wasser stehend lustige Weisen schmetternd. Als ich näher komme, scheint ihnen jemand meine Anwesenheit verraten zu haben – sie spielen Rosamunde! Vollstaendig absurd! Nun fühle ich mich vollends in meine Kindheit versetzt. Vor dem Orchester eine Tanz-Gymnastikgruppe, ein wenig Jane-Fonda-mäßig, die bunte Bänder durch die Luft wedelt. Ich ziehe weiter und da ist sie endlich: die Tai-Chi-Gruppe. Langsam bewegt sich eine größere Gruppe von Frauen und wehrt vermeintliche Drachenangriffe ab.
Das krasse Gegenteil der Ansichten vom Morgen auf dem Markt, aber nicht minder schön. Mir erscheinen die Chinesen weiter südlich im Land wesentlich entspannter zu sein und wesentlich aufgeschlossener als z.B. in Peking. Viel freundlicher mir gegenüber und sehr haeufig lächelnd. Ein gelungener, entspannter Reiseabend in einer wunderbaren Stadt, die alles bietet, was das Herz begehrt. Ich bin froh mich für einen vollständigen Tag Aufenthalt entschieden zu haben.
Heute, Freitag, dagegen freue ich mich sehr auf meine Fahrt nach Shanghai. Zum einen auf die Zugfahrt, was mir immer sehr viel Spass macht und auf einen Flug nach Bangkok, der am Samstag Abend hoffentlich Platz fuer mich haben wird. In BKK wartet dann Thomas, der mich von meinem temporaeren Schweigegeluebde erloest, reisen wir doch zwei Wochen gemeinsam durch Thailand. Schon oft erprobt und von beiden geliebt. Wuenscht mir Glueck bei meinem naechsten Standby-Abenteuer.
Und dieses Mal: Ich fahre 3 Stunden vor Abfahrt zum Bahnhof!!!

Kommentare

yobond hat gesagt…
Hey Reisender,

tolle Erlebnisse die du da schilderst, freue mich schon riesig dich in Buenos Aires zu treffen, wünsche dir weiterhin viel Spaß und ich hoffe du hast viele Fotos gemacht. Es stellt für mich kein Problem dar deine Texte reinzustellen, is gerngeschehen:-)
Lg aus dem wieder warm werdenden Berlin
Christian

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