Ein Schornsteinfeger in Wuhan

Wuhan, eine chinesische Kleinstadt mit nur 7 Millionen Einwohnern. Teilweise erinnert diese Stadt an eine südeuropäische Metropole. Viele alte Häuser sind im Kolonialstil errichtet, Myriaden von Zikaden zirpen allerorten in der flirrenden Hitze und Modelabels wie Nike, Adidas und Konsorten haben ihre Läden hier aufgemacht. Und: Mac Donalds natürlich auch. Goil! Endlich Kaffee! So kann ich mich nicht beherrschen und stürme den Laden. Welch ein Genuss! Kaffee gehört hier nicht so zu den üblichen Getränken. Tee überall, aber Kaffee? Fehlanzeige.
Wandert man ein wenig weiter, so ist man aber wieder mitten in Fernost. Wunderbar – aus westlicher Sicht – idyllische Gassen, in denen alles verkauft wird, was Mutter Natur so abwirft. Es sind diese Märkte, von denen ich nicht genug bekommen, an denen ich mich nicht satt sehen kann. Es ist der Gang durch die Wohnzimmer der Menschen, denn das Leben findet gleichzeitig im Laden, in der Garküche, neben der Aalschlachterei, der Färberei usw. statt. Wesentlich interessanter als all die Pagoden und Altertümer, an denen man sich irgendwann satt gesehen hat, da es sich ständig wiederholt. Viele Menschen grüßen mit einem verstohlenen „Hello“, ist dies hier doch keine touristische Stadt und bin ich der einzige westliche Tourist. Weit und breit kein anderer zu erblicken. Darum bin ich wohl etwas Neues. Mag es nun an meiner weißen Haut oder an meiner inzwischen knallroten Nase liegen, die seit 4 Stunden durch ihre exponierte Lage besonders viel von der knallenden Sonne abbekommen hat – woran auch immer, einige Menschen fassen meinen Arm oder meine Hand an, um einmal weiße (rostbraune) Haut berührt zu haben. Irritierend. Ich komme mir vor wie ein Schornsteinfeger, nur eben in weiß. Dabei hatte ich diese Nase doch zuvor mit meiner neu erworbenen Creme „Heroine“ eingerieben. Das ist jedenfalls das einzige auf der Verpackung, was für mich lesbar ist. Sollte diese Creme für andere Zwecke zu verwenden sein? Erklärt sich darüber meine intensive Wahrnehmung und verbesserte Stimmung? Nee, die 30 und UVB sind wohl doch Anzeichen für eine Sonnenschutzcreme. Und die tolle Stimmung liegt eindeutig an den exotischen Märkten.
Und natürlich wieder die Mahjjong-Runden, von denen ich bei einer verweile und zum Spiel aufgefordert werde. Allerdings geht es hier um hartes Geld. Und mangels Kenntnisse der hiesigen Spielregeln lass ich das dann doch lieber. Wieder für die Eingeweihten: Hier dann mit den Drachen, aber weiter ohne Winde. Die Spielweise dieses Mal: Pongs und Khans legt man in die Mitte, sofern man bereits die entsprechende Anzahl an Steinen hat. Gewonnen hat anscheinend derjenige, der zuerst alle Steine in die Mitte verfrachtet hat.
Dazwischen laufen Heerscharen von Müllsammlern in allen Varianten herum. Entweder mit Fahrrad und Karren, das ist dann sozusagen die „große Müllabfuhr“. Der gesamte Abfalleimer eines Restaurants wird abgeholt und direkt vor der Tür wird alles auf Verwertbares überprüft und getrennt – also BSR und Grüner Punkt in Personalunion. Kein Job, den ich gerne machen würde. Oder massenhaft als Einzelgänger, die in den Straßen die Mülleimer durchwühlen nach Plastikflaschen, die anscheinend besonders „viel“ Geld bringen, aber auch nach Plastikmüll im Allgemeinen und Papier aller Art wird gefischt. In Peking saß jeden Tag ein Flaschensammler vor dem Hostel und hat sich über die Flaschen der Rucksacktouristen gefreut, mit denen er seinen Lebensunterhalt verdient. Gesäubert wird durch weitere Heerscharen Straßenfegern, die mit Kiepe auf dem Rücken, durch die Straßen fegen. Ich will nicht falsch verstanden werden – das ist kein Lebenszustand, welcher erstrebenswert ist. Und ich wünsche jedem, der in diesen Umständen überleben muss, eine baldige Änderung der Verhältnisse. Drittwelt-Romantik, wobei dieser Ausdruck nicht wirklich auf China zutrifft und – Gruß an die Securitate – hier wahrscheinlich als Beleidigung aufgefasst würde, ist eine zwiespältige Angelegenheit. Aber es ist eben schon reizvoll dieses Andere, das Neue zu sehen. Das hat etwas von Anschauungsunterricht wie es früher auch bei uns einmal war. Mitunter fühlt man sich ins Mittelalter versetzt – hinsichtlich der hygienischen Umstände sowieso.
Den extremen Temperaturen passt sich der männliche Teil der Bevölkerung hier überwiegend so an, dass sie nun gar kein Oberteil mehr tragen. Also nicht mehr das Hochschieben der Hemden bis unter die Achselhöhlen unter Freilegung des Bauches, sondern gleich komplettes Entkleiden oberhalb der Gürtellinie. Erstaunlich, las ich doch im Reiseführer, dass das Oben-Ohne für Männer alles andere als opportun ist. Nun, der eine oder andere Anblick ist doch einigermaßen erfreulich und ich will mich über diese (Un-)Sitte nicht weiter beschweren.
Ansonsten habe ich heute diese ständigen Telefonanrufe, kurz nachdem ich ein Hotel bezogen habe, begriffen. Bereits in Chongqing wurde mir jeden Abend eine Visitenkarte mit dem Konterfei einer übersichtlich gekleideten Dame und ganz viel chinesisch unter der Tür durchgeschoben. Den späteren Telefonanruf einer Dame, auf Chinesisch und somit unverständlich für mich, brachte ich dort allerdings nicht mit einer „speziellen“ Form der Völkerfreundschaft in Verbindung. Hier in Wuhan fehlt es an Visitenkarten, nicht jedoch an abendlichen Anrufen. Und: eine kleine Drogerieauswahl mit nützlichen Hygienehilfsartikeln bei der Pflege solch „spezieller“ Freundschaften steht auf dem Zimmer zur Nutzung (natürlich gegen Bezahlung) bereit. Jetzt endlich ist bei mir der Groschen gefallen! Hat bei Klein-Naivchen mal wieder einen Moment gedauert. Naja, zu meiner Entschuldigung: ich bin ja seit Jahren immunisiert, das verzögert das Erkennen mitunter etwas:-)

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