Kerben im Berg...

…und im Gewissen. Ganz tiefe sogar. Auf dem Weg ins Bergdorf Pi’an (oder Pingan) in der Longsheng-Gegend, etwa 3 Busstunden nördlich von Yangshuo, muss das letzte Stück (etwa eineinhalb Kilometer) zu Fuß zurückgelegt werden, da Autos oder gar Busse dort nicht hinfahren können. Uff, Anstrengungen wollte ich mir doch für das Jahr ersparen bzw. gerecht verteilen.
Hilfe naht in Form einer Lastenträgerin, die, gegen Bezahlung natürlich, ihre Dienste anbietet. Aber sie ist mindestens 60! Und das Gewicht meines Rucksacks liegt bei etwa 23 kg. Der Blick wechselt zwischen Aufstieg und der alten Dame. Unwillig registriere ich, dass nicht nur Straße hinaufführt, sondern auch jede Menge Treppenstufen. Die Dame will aber unbedingt und bedrängt mich so dermaßen ihr das Gepäck in ihre Korbkiepe zu legen, dass der Widerwille meiner Beine über mein Gewissen siegt (wenn sie doch so sehr drängelt!) Meine Zusage bereue ich umgehend, bilde ich mir doch ein, dass die anderen westlichen Touristen mich mit bösen Blicken, voll von Vorwürfen, anstarren. So trotte ich, gesenkten Blicks und förmlich überlaufend vor schlechtem Gewissen der Dame - HINTERHER! Wie ein junger Hüpfer rennt sie los mit meinem Rucksack, während ich hechelnd versuche mit ihr Schritt zu halten. Und das oberfiese: ich schwitze – sie nicht! Oben angelangt erhält sie ihre 20 Yuan und um die Gewissensbisse zu besänftigen 3 Yuan extra, was sie mir mit mehreren Bücklingen und einem unglaublichen Lächeln dankt. Trinkgelder sind in China absolut unueblich und niemand erwartet das hier. Zur weiteren Beruhigung: Es begegnen uns jede Menge Sänftenträger mit walrossähnlichen, chinesischen MacDonalds-Dauerabonnenten und somit geschätzten 120 kg Lebendgewicht auf den Schultern. Ein schlechtes Gewissen kann ich nirgends erkennen.
Ich habe also mal wieder den Ort gewechselt. Um 7.00 morgens Ortszeit bin ich nach Longsheng gefahren. Auf um die 800 Meter über NN liegt Pi’an, ein Dorf der Yao-Minderheit inmitten der Reisterassen Südchinas.
Was macht man an einem Berg, wenn man Langeweile hat? Man beginnt zu schnitzen. Ist das Holz so langsam aufgebraucht, so beginnt man Kerben in den Hang zu schlagen. Es regnet und Reis wächst. Fertig sind die Reisterassen. Das absonderliche hier ist, dass die Frauen seit Jahrzehnten keinen anständigen Frisör finden können. Der letzte muss Mitte der 40er Jahre des letzten Jahrhunderts gekündigt haben. So tragen sie alle ultralanges Haare, welches sie zu mehreren großen Dutts (?) (Dütte, Duttse, Dutten, Dütts, Duttsen ??????) zusammenstecken.
Den Nachmittag spaziere ich am Hang zwischen den Reisterassen herum und bewundere die Überlebenskünste der Menschen. Mangels Alternative haben sie in wahrscheinlich immens mühseliger Kleinarbeit treppenartig kleinere Flächen für den Reisanbau geschaffen. Alles in Handarbeit, denn mit Wasserbüffeln, geschweige denn Maschinen ist es nicht möglich an den recht steilen Hängen (für Skifahrer: schwarze Piste) zu arbeiten. Zudem sind die Treppen sehr schmal und lassen nur Handarbeit zu. Alles muss per Muskelkraft in diese kleinen Felder geschleppt werden: Dünger, Saatgut, Erntewerkzeug – Wasser fließt zum Glück von oben in die Felder - und mir wird klar warum die Dame von vorhin so agil ist. Vor dem Touristenansturm hatte sie mit Sicherheit kein leichteres Leben. Die Reisterassen sind in jeder Jahreszeit spannend, allerdings wohl am schönsten im Frühling, wenn die Reispflanzen noch klein sind und sichtbar im Wasser stehen. Aber auch das frische Grün hat seinen Reiz. Geerntet wird übrigens nur einmal im Jahr, im Gegensatz zu den sonstigen Reisgebieten, wo bis zu drei Mal geerntet wird, da es auf dieser Höhe im Winter sogar vereinzelt schneit. Erntezeit ist im Oktober. Viele kleine improvisierte Cafes sind an den Hang gebaut. Dort lasse ich den Tag ausklingen, warte bis das Licht immer schwaecher wird und schliesslich ganz verschwindet. Im Hintergrund laeuft "Stille Nacht, Heilige Nacht", Gott, wie die Zeit vergeht....
Es warten schöne Wanderungen auf mich…

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