Yangtze, der letzte Tag

Heute nacht haben sich Herr Li, Herr Zhang und Herr Wang, so heißen meine Flöhe, an mir gelabt – sehr zu meinem Leidwesen, bin ich doch übersäht von ihren Knutschflecken. Ein wenig kann ich mich durch meinen Re-Import schützen – ich tausche in der Nacht die Flohdecke gegen meinen Seidenschlafsack – Made in China.
Nach drei Tagen europäischer Küche, so erklären sie mir, ist ihnen nun aber wieder nach chinesisch-asiatisch – sprich scharf. Mich soll das nicht stören.
Diese drei Familiennamen sind die übrigens die häufigsten in China. Allein 105 Millionen Chinesen heißen Li. Alle drei Namen zusammen genommen benennen fast 300 Millionen Chinesen.
Die Fahrt neigt sich dem Ende. Die Berge werden langsam höher, der Fluss schmaler. Die Sonne scheint und ich genieße – bereits von gestern verbrannt – an Deck die letzten Kilometer Exklusiv-Panorama. Durch die Lautsprecher erklingen chinesische Weisen aus der Mao-Zeit – sie klingen jedenfalls wie diese sozialistischen Durchhalteparolen und sind bestimmt auf dem großen Marsch entstanden. Besser jedenfalls als das Karaoke-Gemetzel der letzten Abende. Das jedenfalls machen die Chinesen, wenn sie nicht gerade beim Glücksspiel sind.
Der Staudamm ist aus der Entfernung eher enttäuschend. Je näher wir ihm, nunmehr im Bus, kommen, desto gewaltiger wird er dann aber tatsächlich. Der Höhenunterschied zwischen den Wasserpegeln oben und unten beträgt mehr als 100 Meter und breit ist er auch einigermaßen. Nach 17 Jahren Bauzeit wird er 2009 vollständig fertig sein, das bezieht sich dann aber nur noch auf einen Fahrstuhl für Kreuzfahrtschiffe. Eine 5-stufige Schiffstreppe sowie das eigentliche Herzstück – das Kraftwerk – sind schon in vollem Betrieb. 26 Turbinen produzieren jeweils 700 Megawattstunden – ich glaube pro Jahr. Keine Ahnung wie viel das nun ist – klingt jedenfalls viel. 3 Stunden kurven wir auf dem Riesengelände herum und dürfen das sozialistische (oder war es kapitalistische?) Bauwerk bewundern, allerdings als Ausländer jeder still für sich, denn Übersetzungen gibt es keine. Wer der englischen Sprache nicht mächtig ist, kein Problem, der komme nach China – gleiche Voraussetzungen für alle. Der Staudamm ist der größte (logo! – XXL halt) der Welt. Meine Bewunderung gilt vor allem der Schiffstreppe – habe ich doch vor zwei Jahren endlich auch das Prinzip der Schleuse erlernt J Ich dachte immer, dass die Schleusenbecken von unten mit Maschinen aufgefüllt werden. Dass das ja viel einfacher durch nachlaufendes Wasser geht war mir gänzlich unklar.
Meine Tour geht dann weiter in einem Bus nach Wuhan für die nächsten 4 Stunden auf etwa 350 Kilometer. Bezahlt ist alles, jedoch verfüge ich über keine Tickets für meine gebuchte Tour bis Wuhan, Übernachtung im Hotel dort und das Bahnticket nach Shanghai, aber alles erweist sich als perfekt organisiert. Der Besichtigungsbus setzt uns am Busbahnhof ab, wo schon eine Chinesin mit Schild und meinem Namen wartet, der Bus erreicht in Wuhan ein Hotel – mein gebuchtes, wo ebenfalls schon jemand auf mich wartet und mir beim einchecken hilft sowie mir mein Bahnticket nach Schanghai überreicht. Absolut oberperfekt organisiert! Kompliment an die Chinesen. Meine zu Beginn der Reise gehegten Befürchtungen erweisen sich durch und durch als unbegründet. Allerdings komme ich mir schon fast vor wie ein Neckermanntourist. Das Rucksackreisenden-Chaos – nicht wissen wann man wo ankommt, wo man schlafen wird – eine gewisse Reiseromantik – geht dabei verloren. Nun, wenn ich es richtig überlege – soooo scharf bin ich darauf dann doch wieder nicht. Und Abstriche habe ich was meinen Rucksack betrifft ja auch schon seit Jahren gemacht: Er hat Rollen!

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