Yangtze – der zweite Tag

Lilly ist wieder auf Jagd. Um 6.00 wird gnadenlos an die Tür gehämmert, dass selbst meine Ohrstöpsel ihren Dienst versagen. Ein Ausflug, den ich nicht gebucht habe, steht an. Wieder wären 10 Euro fällig. Ich verzichte dankend und schlafe lieber weiter. Überhaupt die chinesische Eintrittsseuche. Wo immer man geht und wandelt – Eintritt ist zu zahlen und der ist nicht wirklich preiswert. Eintritt liegt hier beinahe auf europäischem Niveau. Zahlt man beispielsweise für einen Ausflug oder einen touristischen Ort, dann kann man sicher sein, dass in diesem noch eine Reihe weiterer Kosten auf einen zukommen werden. Irgendein Bereich ist dann erneut abgesperrt und kostenpflichtig. Eher lästig, kann man doch nie wirklich abschätzen welche Kosten letztlich tatsächlich entstehen.
Gegen Zwölf leert sich das Schiff dann für eine Tour, die ich ebenfalls nicht mitgebucht habe. Stattdessen erkunde ich die Stadt Wushan, an deren Pier wir angelegt haben. Unmengen von Treppenstufen sind zu erklimmen, um einfach nur in das Hafengebiet zu gelangen – genauer gesagt 246. Oben angelangt dann Heerscharen Taxifahrer – in allen Varianten: vom Moped bis zum Minibus. Nee, denke ich, ich habe keine Lust schon wieder übers Ohr gehauen zu werden. Zwar ist mir schon einigermaßen heiß, aber das schaffe ich auch ohne. Mitleidig betrachtet mich die Dienstleistungsmeute. Nach etwa 100 Metern versinke ich dann in einem Schlammloch – nun, meine Turnschuhe haben jetzt eine ähnlich Farbe wie der Yangtze angenommen: Schlamm-Oker. Sehr belustigt ob des Langnasen-Missgeschicks versucht die Meute erneut ihr Glück und ein Minibusfahrer erhält denn auch den Zuschlag. Kluge Entscheidung, hinsichtlich der geschätzten 1000 Treppenstufen, die ich mir erspare. Unkluge Entscheidung was den Stolz angeht. Natürlich muss ich nicht die 2 Yuan bezahlen, die ich aus den zwei erhobenen Fingern deute – 20 will er haben. Vollkommen überzogen. Ich zahle 10 und gehe, während mich laute Fluche begleiten.
Nun also die Stadt per pedes erkunden – sie scheint nur aus Treppenstufen zu bestehen. Also gut: Herz-Kreislauf-Training – gehört wohl zu einer Kreuzfahrt in der Ersten Klasse dazu! Innerhalb kürzester Zeit erscheine ich schon wieder frisch der Dusche entstiegen. Wozu um alles in der Welt habe ich vorhin wacker kalt geduscht??? Das Gemeine ist: Den Chinesen scheint das „Schwitz-Gen“ zu fehlen. Sie steigen ebenso wie ich die Treppen und entwickeln gerade mal einen Hauch von Feuchtigkeit auf dem Gesicht, während mir Sturzbäche die Stirn herunter laufen. Kein Wet-Gel der Welt versagt da nicht. Umso mitleidiger betrachten sie die Langnase.
Angesichts der Berglage der Stadt gibt es hier keine Fahrräder und auch keine großen Busse. Da sich die Leute hier kein Auto leisten können und der Fahrradtransport wegfällt, läuft der Transport fast ausschließlich über Träger. An fast jeder Straßenecke sitzen kleinere Gruppen Männer mit ihrer Bambusstange (Wanderarbeiter/Tagelöhner), die auf einen Auftrag warten. Die Stange liegt dann auf der bloßen Schulter und hält dort nach dem Waage-Prinzip die Last an den beiden Enden im Gleichgewicht. Es muss die Hölle sein hier als Lastesel sein Geld zu verdienen. Ich werde mich nie wieder über Treppenstufen beklagen. Wer ob dieser Höllenarbeiten körperliche Unbill erleidet, kann dann auch auf der Straße den Medikus aufsuchen. Jemand, der einen Haufen getrockneter und eingelegter Schlangen sowie ein großes Fass auf der Straße aufstellt, sodann mithilfe eines Megaphons wie ein Marktschreier die Leute herbeilockt und diese dann mittels Beschwörungsformeln und einer undefinierbaren (Schlangenblut?) Flüssigkeit einreibt. Dazu noch ein paar merkwürdige Handverrenkungen und fertig ist das Wunder! Die Menschen stehen jedenfalls „Schlange“ und lassen sich behandeln für teuer Geld. Das Einreibemittel riecht dabei sehr verdächtig nach „Tigerbalm“, welches in der Apotheke sehr günstig zu erwerben ist….
Meinen Flöhen habe ich übrigens Namen gegeben und duze mich mittlerweile mit ihnen.

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