Im Potalla

Nachdem ich mein Flugticket nach Kathmandu in der Tasche habe fühle ich mich frei und unbeschwert. Kein Organisieren mehr, sondern gelassen durch die Stadt wandern und einfach nur beobachten. Die Pilger sind überall und, entgegen meiner Schreiberei vor zwei Tagen, ist das Pilgern doch erheblich anstrengender. Der Stadttempel wird nicht drei Mal, sondern korrekterweise 108 Mal umwandert. Hinsichtlich der anderen Pilgerrouten (um den Potalla und um die Stadt) bin ich mir nun auch gar nicht mehr so sicher. Jeder Pilger hat seine eigene Kora (Gebetsmühle) dabei, die strikt im Uhrzeigersinn gedreht werden muss. Ein Ortsansässiger leiht mir seine kurz zum Anfassen und als ich versehentlich falsch herum drehe reißt er sie mir rasch aus der Hand. Keine Ahnung welche Höllenqualen ich ihm damit jetzt eingebrockt habe oder gar mir selbst?!
Der Hardcore-Pilger läuft nicht einfach aufrecht, sondern schmeißt sich alle drei Schritte auf den staubigen Boden. So weit, dass die Stirn die Erde berührt. Dann steht er wieder auf, macht zwei Schritte und wirft sich mit dem Dritten wieder zu Boden. Manch Pilger legt auf diese Weise den gesamten Weg von ihrer Heimat bis nach Lhasa zurück. Mitunter mehrere hundert Kilometer. Wer sich das Leben noch schwerer machen möchte, der verrichtet die genannte Übung seitlich und wirft sich mit jedem Schritt zu Boden, was erheblich länger dauert. Man sieht vereinzelt ganze Familien, Vater, Mutter, Kinder, die auf diese Weise nach Lhasa pilgern. Ihr karges Hab und Gut ist auf einem kleinen Eselskarren verstaut. Das sind so die Bilder, die ich während meiner Konfirmationszeit vor Augen hatte. Hier sieht man sie live und in Farbe. Ein tief beeindruckendes, wenn auch für mich nicht nachvollziehbares Schauspiel.
Der Nachmittag ist dem Potalla gewidmet. Jeder Dalai Lama hatte in ihm ein eigenes Schlafzimmer, ein Zimmer für das Beten, ein Studierzimmer u.v.m. So wurde der Bau im Lauf der Zeit immer wieder erweitert. Das Ergebnis ist ein kleines Labyrinth aus Gängen und steilen Treppen. Alle Wände sind kunstvoll bemalt, überall eröffnen sich kleinere und größere Altare mit Buddhas in allen Varianten. In vielen Zimmern sind die Wände mit Regalen versehen, in denen Werke mit dem Wissen des Buddhismus eingelagert sind. Eher Dokumente als Bücher. Dreihundert Jahre gesammelte Werke. Die Räume riechen nach Weihrauch, der sich über die Jahrhunderte in den Wänden und Stoffen festgesetzt hat. Zahlreiche Buddha- und sonstige Gottheitsstatuen füllen die Räume. Der ganze Ort wirkt verwunschen und verlassen. Weitere Anbauten scheinen nicht nötig zu sein, denn es ist nicht absehbar, ob und wann Tibet wieder unter einem Dalai Lama autonom existieren wird. Vielleicht sollte ich mal anfragen? Suche schon seit zweieinhalb Monaten nach einem Thron....

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