Vom Mars zur Venus...

.. und auf dem Weg einen kleinen Schlenker links am Mount Everest vorbei, geht die Reise heute weiter. Definitiv befinde ich mich immer noch nicht auf meinem Heimatplaneten.
Aber wieder von vorne:
Das Taxi auf dem Weg zum Flughafen Lhasa bereitet mich schon einmal auf den Linksverkehr in Nepal vor. Mit einem Affenzahn, so dass ich wirklich Angst bekomme, rast der Herr wie ein armer Irrer über die Straßen und um die Kurven. Egal ob links oder rechts und noch egaler ob man was sieht oder nicht. Ein letzter Blick auf den Potalla, die Berge, die Stadt und das Land, das so voll von Eindrücken ist und das seine Reisenden so wenig möchte, und auf zum Flughafen.
Ich bin um 8.00 Uhr dort, 2 Stunden vor Abflug und...? Keiner da! Das hab ich jetzt auch noch nicht erlebt: Ein ganzer Flughafen, nur für mich! Ich spiele ein wenig mit mir selbst Gepäck ein- und auschecken, bis nach einer halben Stunde noch zwei weitere Reisende auftauchen, so dass ich mich etwas sicherer fühle, dass hier wirklich noch einmal ein Flieger startet. Insgesamt werden es dann ca. 20 Passagiere, die einchecken. Das bereitet mir jetzt doch ein wenig Sorgen, denn Kathmandu fliegt ja kaum noch eine Fluggesellschaft an. In der China Daily stand letzte Woche, dass eine der nepalesischen Airlines kürzlich bei einem Flugzeug einen Schaden entdeckte, jedoch kein Geld oder Zeit für eine Reparatur hatte. Die pragmatische Lösung: man opferte auf dem Rollfeld ein Lamm! Ich weiß den Namen der Airline nicht mehr, wahrscheinlich Buddha-Air, Slogan: Welcome to your next life! (hoffe, dass ich diese Anekdote noch nicht geschrieben habe)
Beim Einchecken besorgen es mir Chinesen noch einmal so richtig. Ich soll 20 Euro für 3 kg Übergepäck bezahlen! Das ist das erste Mal, dass mir das passiert. Ich habe aber nur noch sehr wenig Yuan und kaum Dollar. Die Matrone, kapitalistisches Kommunistenpack, lässt mit sich handeln, es sind dann umgerechnet 15 Euro und man darf raten, in wessen Tasche das Geld wandert!
Auf dem Flug erstrecken sich in alle Richtungen karge Berge, die zum Teil mit Schnee bedeckt sind. Im Hintergrund sieht man einige größere Spitzen herausragen, so dass das Ratespiel: „Welcher ist denn nun der Mount Everest?“ losgeht. Da nur 20 Passagiere an Bord sind, wird daraus ein spannendes Suchspiel mit hektischem von links nach recht und von vorn nach hinten Gerenne. Sorge mich darum, ob der Pilot den Flieger gerade halten kann. Dann doch lieber ein voller Flieger, in dem alle gesittet auf ihren Plätzen bleiben. Der Sieger des Suchspiels bekommt ein Frühstück extra! (Obwohl das eher eine Strafe ist) Der Pilot, der Spielverderber, gibt schließlich den richtigen Berg bekannt. Kein Sieger/Bestrafter. Mächtig, mächtig, dieser Berg, aber sooo groß sieht er von hier nun auch wieder nicht aus.
In Kathmandu gelandet, nach dem gestrigen Flugzeugunglück in Thailand bin ich gottfroh, erscheint es mir überhaupt nicht als sei ich auf einem internationalen Flughafen angekommen. Wanne-Eickel Südost ist sicherlich internationaler. Ein wenig lässt sich der Boykott der Airlines nachvollziehen, am Rollfeldrand stehen einige besorgniserregend aussehende Flugzeuge.
Visum beschafft und erst einmal Geld besorgen. Soll ich jetzt zur Himalaya-Bank gehen oder doch lieber zum Yeti-Exchange? (Die heißen wirklich so!) Und dann prasseln die Eindrücke nur so auf mich nieder. Rikschas, Kühe - heilige, Augenpaare, die so dunkel und intensiv sind, dass ich meine sie würden in mein Innerstes eindringen, in der Mitte Punkte, die die Kastenzugehörigkeit anzeigen. Dann kleine schuhkartonförmige Autos, die mit einem Affenzahn durch die Straßen jagen, Fahrradfahrer, Obstwagen, enge Gassen, Markt allerorten, Menschengewirr, kleinere Tempel, fehlender Asphalt. Verkehrsregeln scheint es hier nun endgültig keine mehr zu geben. Man kommt grob überein, dass man links fährt, das war es dann aber auch. Menschen jeglicher Couleur bahnen sich den Weg durch die Gassen. Einige sehen sehr indisch aus, andere haben Einschläge ins arabische, wieder andere lassen chinesische, tibetische und mongolische Einflüsse erahnen. Erstmals verliere ich vollständig die Orientierung, weil ich vor lauter Schauen nicht mehr auf den Weg achte. Und das, obwohl mein Hirn erstmals seit einer Woche wieder richtig zu funktinieren scheint. Kathmandu besteht aus einem irrsinnigen Gewirr aus kleinen Gassen.
Mein Reiseführer beschreibt Kathmandu folgendermaßen: unglaublich, ansteckend und erschöpfend, und warnt davor zu viel Zeit hier zu verbringen, da man sonst keine Zeit mehr hat für die anderen, nicht minder spannenden, Teile Nepals. Dem kann ich mich, meinem ersten Eindruck folgend, anschliessen.
Und: die Menschen LÄCHELN!! Erst jetzt wird mir klar, dass mir das in China gefehlt hat. Es gibt Zeitungen zu kaufen, die kritisch hinterfragen, man kann sich den Dalai Lama als Anstecker kaufen, es gibt Menschen, die englisch sprechen, und wenn nicht: die sich bemühen einen zu verstehen! (und das meist auch tun) Im Hostel gibt es einen Begrüßungskaffee, im Restaurant wird einem die Serviette auf den Schoß gelegt. Es wird gefragt, ob man nicht vielleicht noch einen Nachtisch essen möchte. Man bekommt ANTWORTEN auf Fragen usw. usw.
500 Kilometer Luftlinie und dennoch ein Sprung vom Mars auf die Venus...

... und zurück in die Realität dieser Erde: auf meinem zweiten Rundgang begegnet mir dieser junge Zeitgenosse im Alter von sieben oder acht Jahren und bettelt um Essen. Gut, denke ich, dann können wir ja ebenso gut in den nächsten Supermarkt gehen und er darf sich etwas aussuchen. Er geht los zu den Regalen, laesst die Suessigkeiten hinter sich und entscheidet sich zielstrebig für:

eine große Dose MILCHPULVER!

Das Geld in meinem Portmonee kann ich nicht mehr erkennen, denn mir laufen die Tränen ....

Es folgt eine überglückliche Umarmung, die gar kein Ende mehr nimmt – ich habe einen Freund gewonnen.Was schäme ich mich für meine „Probleme“!

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