Händchenhalten in Baktapur
Was mich am meisten fasziniert – wundert es jemanden? – ist, dass hier zwischen den männlichen Nepalesen ein ausgesprochen intensives körperliches Verhältnis besteht. Überall wird Händchen gehalten, sich über den Arm gestrichen, sitzen junge Männer „verknotet“ am Straßenrand, treten Schuljungen den Heimweg eng umschlungen an, mit den Händen an Orten, deren Berührung nicht gerade als schicklich gilt. Das kenne ich zwar schon aus den arabischen Staaten, doch hier ist es schon noch einen Tick stärker und auffälliger. Dieses Verhalten misszuverstehen wäre ein leichtes, doch der Schein trügt. Weiter gehende Ambitionen sind verboten und werden mit Gefängnisstrafen geahndet. Es ist einfach ein intensiver Ausdruck von Freundschaft, der vielleicht auch mangels der Möglichkeiten mit Frauen Körperlichkeit zu erleben so entstanden ist. Der arme Neonazi, den es aus Deutschland hierher verschlagen sollte. Er wüsste gar nicht wo er zuerst zuschlagen sollte und wäre sicher schnell am Ende seiner Kräfte. Allerdings könnte er seinen zwangsläufig schnell folgenden Erschöpfungszustand auf für ihn angenehme Weise beseitigen, indem er sich eine Hakenkreuz-Kaschmir-Kuscheldecke zulegt. Das wäre hier nämlich völlig legal (und vergleichsweise preiswert), denn das Hakenkreuz ist ein Zeichen des Hinduismus (wer hats erfunden?) und der Besitz oder die Zurschaustellung brächte keinerlei polizeiliche Verfolgung mit sich. Zwar ist das Hakenkreuz spiegelverkehrt, aber wer will kleinlich sein? Dennoch das Paradies für jeden Neonazi. Er könnte sein Innerstes ausleben. Das können die Menschen hier nicht wirklich. Die Ehe unseres Guides z.B. ist arrangiert worden als er noch Kinder war. Die Väter, seit Jahren Freunde, hatten, wie praktisch, der eine eine Tochter und der andere einen Sohn. Was liegt näher als die Familien zusammen zu bringen und beide miteinander zu verheiraten. So ist es üblich. Nun, man spart sich die vielen gesundheitsschädlichen und kostenintensiven Bar- und Diskothekenbesuche zur Kontaktanbahnung. Vielleicht nicht das schlechteste.
In Baktapur, einer Stadt etwa 20 km von KTM entfernt, sind das heute so meine Beobachtungen und Gedanken. Die Stadt ist zwar ebenfalls faszinierend – mittelalterliche Altstadt vollständig im Backstein-Nepal-Stil ohne Autos und mit deutschen Entwicklungshilfemitteln in den 70ern restauriert, doch so langsam habe ich mich an historischen Bauten satt gesehen und meine Aufnahmefähigkeit ist eingeschränkt. Letztlich unterscheiden sich die Bauten dann nur noch um Nuancen und in der Vollständigkeit. Ich verstehe im Anblick von Baktapur aber warum die US-Amerikaner so begeistert von Heidelberg sind. Das Gefühl dürfte ähnlich sein.
„Interessant“ ist dann aber wieder der Autoverkehr. Ein nicht beschreibbares Chaos, was aber erstaunlicherweise doch (fast) immer ohne Beschädigungen abläuft. Gegenverkehr ist grundsätzlich mal kein Kriterium nicht zu überholen. Im Gegenteil – es wird in beide Richtungen überholt. Kampf der Giganten: Zwei Autos kommen uns nebeneinander entgegen, während wir selbst gerade am Überholen sind. Das hält natürlich die drei Motorradfahrer nicht davon ab sich ebenfalls noch irgendwo dazwischen zu drängen. Ganz zu schweigen von den Fußgängern, Rikschas und Radfahrern, die die Restlücken in beide Richtungen ausfüllen. Das ganze natürlich auf einer Straße von den Ausmaßen eines Grünplanweges. Es ist wirklich kaum zu glauben mit welcher Präzision dann doch noch alle ohne Zusammenstoß aneinander vorbeipassen. Der Begriff um „Haaresbreite“ muss in Nepal geprägt worden sein. Ich weiß derweil nicht ob ich besser im Reiseführer lese, um meinen Adrenalinspiegel im Rahmen zu halten oder nach vorne schauen soll um besser für einen Aufprall gerüstet zu sein. Die geringe Geschwindigkeit ist dann wohl der ausschlaggebende Moment, dass mein erschöpfter Schutzengel nach Wochen Schwerstarbeit immer noch mitkommt.
Da Morgen meine Abreise (so Thai Airways will) bevorsteht ist es an der Zeit ein Fazit zu Nepal zu ziehen:
Ein Land, das in jeglicher Hinsicht Charme und jede Menge Eindrücke zu bieten hat. Die Menschen sind mit Abstand das beeindruckendste, was ich je kennen gelernt habe. Wer sich nicht scheut das eine oder andere Verdauungsproblem durchzustehen und in der Lage ist im Straßenverkehr ein gewisses Maß an Fatalismus aufzubringen, der sollte seinen nächsten Urlaub hier verbringen.
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