Wellness im und auf einem Bus
Mein Ziel ist das Trekkinggebiet Langtang, 120 Kilometer nördlich von Kathmandu. Unser Guide suggeriert, dass wir genügend Zeit beim Fruehstueck hätten, da andauernd Busse fahren. Tja, da ist etwas schief gelaufen, denn wir verpassen den letzten für heute um gerade mal 10 Minuten. Also schnell in eines der Schuhkartontaxis und
los geht die Verfolgungsfahrt, die so ziemlich von jetzt auf gleich hoch oben auf dem Berg stattfindet. Nach endloser Kurverei und Ausweichen von vorsintflutlichen Lastwagen holen wir den Bus schließlich ein. Im Innern ist kein Platz mehr in dem, ich schätze mal in den frühen 60ern des letzten Jahrhunderts erbauten, Bus, der einzig vom Glauben der Insassen zusammengehalten wird. Also aufs Dach! Der Traum eines jeden kleinen Jungen: einmal auf dem Dach eines Busses durch die Berge zu fahren. Die älteren Jungen sind leider schon vielen Situationen im Leben begegnet, die ihnen gelehrt haben, dass so etwas auch gründlich schief gehen kann. Aber: Augen zu und durch. Und merke: Im Fall des beschleunigten Abstiegs über den Hang immer Richtung Berg springen sowie in Fahrtrichtung schauen um Brücken frühzeitig zu erkennen! (siehe links)
los geht die Verfolgungsfahrt, die so ziemlich von jetzt auf gleich hoch oben auf dem Berg stattfindet. Nach endloser Kurverei und Ausweichen von vorsintflutlichen Lastwagen holen wir den Bus schließlich ein. Im Innern ist kein Platz mehr in dem, ich schätze mal in den frühen 60ern des letzten Jahrhunderts erbauten, Bus, der einzig vom Glauben der Insassen zusammengehalten wird. Also aufs Dach! Der Traum eines jeden kleinen Jungen: einmal auf dem Dach eines Busses durch die Berge zu fahren. Die älteren Jungen sind leider schon vielen Situationen im Leben begegnet, die ihnen gelehrt haben, dass so etwas auch gründlich schief gehen kann. Aber: Augen zu und durch. Und merke: Im Fall des beschleunigten Abstiegs über den Hang immer Richtung Berg springen sowie in Fahrtrichtung schauen um Brücken frühzeitig zu erkennen! (siehe links)Es ist Urlaub von Anfang an. Der Aufenthalt auf dem Dach ist vergleichbar mit dem Beginn einer Wellnessbehandlung. Zunächst ein intensives Staub- und Sandpeeling, welches von Zeit zu Zeit von Bambuswedeln sanft in die Haut eingepeitscht wird. Anschließend Wechselbäder durch Fahrten in praller Sonne und Wolkennebel. Die Muskulatur wird derweil durch das Schaukeln und Springen des Busses kontinuierlich gelockert. Zwischendurch immer wieder diese erfrischenden Adrenalinschübe wenn der Bus sich dem Abgrund allzu arg nähert oder ein LKW im Gegenverkehr auftaucht. Nachdem die Lockerung der Muskulatur bei mir nach 2 Stunden keinen wirklichen Erfolg zeitigt, erkämpfen wir uns einen Platz für die Fortführung der Behandlung im Innern des Busses und beginnen mit der Aromatherapie. Intensive Düfte vom Achselschweiß der lieben Mitreisenden paaren sich mit herrlich säuerlichen Aromen weiblicher Passagiere mit Tüte vor dem Gesicht. Etwas störend bei der Entspannung sind die leicht röchelnden Laute, die diese Damen dabei ausstoßen. Aber diese werden kompensiert von sphärischen Klängen nepalesischer Volksmusik, die aus dem Lautsprecher dröhnen. Diese vielen Genüsse haben eine sedative Wirkung auf mich und ich ergebe mich schließlich nur noch meinem Schicksal. Was soll ich auch sonst tun? 8 Stunden dauert die Behandlung. Sie wird zwischendurch nur noch durch eine kleine kreislaufstärkende Wanderung unterbrochen, die uns das infolge eines Erdrutsches nicht mehr vorhandene Stück Straße überqueren lässt.
Eine Höllenfahrt, die jedoch durch traumhafte Berglandschaften des Himalayas führt. Eigentlich führt sie beständig an den Hängen der Berge entlang. Wolkenformationen verdecken die verschiedenen Bergformationen in immer neuen Varianten und hin und wieder eröffnet sich der Blick auf die Sechs- und Siebentausender dieser Region. Im Ort angekommen: Western Union und Internet auf 2000 Metern Höhe!.Ist ja auch wichtiger als eine Straße...
Trekking die Erste: 24. September
Nach dem stundenlangen Gerüttel im Bus fällt es mir nicht schwer mit den Hühnern ins Bett zu gehen. Im wörtlichen Sinne wäre das auch gar nicht so schlecht, gehören sie doch zu den Warmblütern und mein Bett ist einfach finster kalt. Die Decken – zum Glück gibt es überhaupt welche – haben bereits den Dalai Lama bei seiner Flucht 1959 aus Tibet gewärmt. Liegt man unter ihnen, dann hat man jedenfalls das Gefühl, dass mehrere Jahrzehnte auf einem lasten. Eine wirkliche Alternative gibt es jedoch nicht, mein Seidenschlafsack stellt jedenfalls keinerlei Kältebarriere dar, doch dient er als psychologischer Schutz vor besagten Decken, die den Geruch der Nepalesen, nach Yakbutter, Rauch und Schweiß ausströmen.
(Schon bald soll ich auch so riechen...) Keinen Schutz hingegen, weder physischer noch psychischer Art gewährt er vor den Flöhen. Sie laben sich mal wieder an mir und der Rat eines eifrigen Bloglesers man möge sich bei Flohbefall neben eine heiße Dusche stellen, da diese possierlichen Tierchen zu den Genusswesen zählen und somit in die Wärme springen, ist in Ermangelung warmen, geschweige denn heißen Wassers nicht durchführbar.
Gegen 4.30 Uhr wecken mich die Mönche, als sie auf ihren Instrumenten – eine Art Hörner – tröten und dabei kleine Glocken läuten. Kann ich eigentlich auch gleich wach bleiben, denn für die nächsten Tage ist um 6.00 Uhr die Nacht zuende.
Unser Weg führt uns zunächst von ca. 2000 Höhenmeter abwärts durch Rhododendren- und Pinienwälder. Es nieselt leicht. Auf und ab geht es immer weiter zur ersten „Tee“- Hütte. Es ist nichts weiter als eine Bauerskate. Die Bewohner verdienen sich durch den Tee-Verkauf ein paar Rupien zu ihrem Unterhalt hinzu. Ihre 2 Kinder schauen neugierig aber zurückhaltend auf uns Fremde, fast apathisch wirken sie. Wäre ich wohl auch, hätte ich nichts weiter als ein paar dreckverschmierte Klamotten und keine Schuhe zum Anziehen. Und das bei einer Temperatur um die 15°C und leichtem Nieselregen.
Weiter gehts jetzt nur noch bergauf durch farnüberwucherte Regenwälder und sich langsam verengende Wege, immer unserem Führer und unserem Träger hinterher, der die nicht beneidenswerte Aufgabe hat unsere Rucksäcke bis zum bitteren Ende zu schleppen.
Etwa 30 Kilogramm hat er auf dem Rücken und er sieht alles andere als wohl ernährt aus. Eher erscheint er uns schwindsüchtig. Doch es ist in Nepal normal sich Träger für alles mögliche zu nehmen. Die ortsansässigen Träger tragen Lasten von bis zu 50 Kg, die einzige Möglichkeit des Transports hier, denn Straßen existieren überhaupt keine. Manch Träger hat über die Jahre O-Beine entwickelt. Im Grunde sind es keine Beine, sondern Stelzen.
Mittagspause wird bei der nächsten Bauersfamilie eingelegt. In einer einfachen, aber verglasten Panoramahütte steht dazu ein Kanonenofen, der fürchterlich räuchert. In einer kleinen Nische steht ein lehmgebrannter Ofen, auf dem eine junge Frau das Mittagessen für uns alle zubereitet. Kein fließendes Wasser, kein Strom und dennoch im Handumdrehen ein prima Essen. Schließlich sitzen wir alle – jede Party endet früher oder später dort – in der Küche. Gestärkt begeben wir uns zum nächsten Teilstück – nun leider im leicht strömenden Regen. Es folgt die Bekanntschaft mit den nächsten sangrophilen Geschöpfen: Blutegel! Frage ich mich bereits bei Flöhen und Mücken nach ihrem Sinn auf dieser Erde, so finde ich bei diesen Kreaturen erst recht keine Antwort. Sie lauern auf Gräsern und entern dann die vorbeiziehenden Warmblüter. Ein Wurm, ähnlich einem Regenwurm mit einer fiesen Saugfläche am Ende. Sie kann man mit Schnupftabak oder Salz sehr leicht entfernen.
In der Nachthütte (auf 2200 Metern) besteht die Hauptbeschäftigung denn auch aus Blutegel absammeln und Kleidung trocknen – wieder in der hauseigenen Räucherkammer. Erstmals seit über 30 Jahren gehe ich vor der Ausstrahlung des Sandmännchens ins Bett.
25. September
Gegen halb sechs erwache ich alles andere als erfreut von der Geräuschkulisse draußen: strömender Regen! Hey, nicht an meinem Ehrentag! Diskussion. Weichei oder nicht Weichei, das ist hier die Frage! Hardcore Wanderer heißt die Entscheidung. Durch viele nicht sichtbare Berge mit Blick auf den Morast gerichtet vergeht der Tag erfreulich schnell und wir kommen tatsächlich am Ziel an. Auf der Mittagshütte entferne ich einen Blutegel vom Fuß und glaube anschließend zu verbluten. Pflaster, Wundspray, nichts hilft. Es hört und hört nicht auf. Ob der ADAC die Attacke eines Blutegels wohl als Notfall mit entsprechendem Hubschrauberrettungseinsatz werten würde? Wohl nicht, leider!
Am Abend kommen wir triefend nass und erschöpft auf der Nachthütte (auf 2400 Metern über NN) an. Muttis kleine Hanfplantage! Man könnte damit Kreuzberg und Neukölln drei Wochen lang versorgen. Leider noch nicht erntereif. Es gibt der weltbeste Dusche: ein Eimer heißes Wasser und mein Geburtstag wird unvergesslich bei Mutti in der Küche am Lehmofen mit nepalesischem Grog gefeiert. Versunken (später dann im wahrsten Sinne) beobachten wir die Köchin dabei wie sie unser Essen bereitet. Vollendetes Glück – wer hätte das am Morgen gedacht.
26. September
Regen, was sonst. Aber keine Diskussion: wir gehen. Knapp 1000 Höhenmeter stehen auf dem Programm. So anstrengend der Weg durch Schlammpfützen und Unmengen von Kuhfladen auch ist, so schön ist er dennoch, denn er führt durch scheinbar verzauberte Wälder. Große alte Bäume sind über und über bis in die Kronen von Farnen bewachsen. Der gesamte Wald – Stämme, Felsen usw. – alles ist von einem Moosteppich überdeckt als hätte ein Raumausstatter Überstunden gemacht. Dazwischen immer wieder kleine und große Rhododendronbäume und –büsche, die zum Teil noch blühen. Wie mag es hier im Frühjahr wohl aussehen? Entlang eines reißenden Gebirgsflusses steigen wir immer weiter bis wir in eine Hochebene mit dem Dörfchen Langtang (3400 Meter) kommen. Nächste Übernachtung jetzt ganz ohne Strom. Nicht auf dem Zimmer, nicht im Klo. Meine Geburtstagskerze hilft und ein netter Abend mit drei Österreichern, denen das Wetter ähnlich aufs Gemüt schlägt.
27. September
Der letzte, kurze Aufstieg auf knapp 3900 Meter und, man höre und staune: kein Regen und klare Sicht. Fast mystisch steigen vereinzelt Wolken aus dem Tal Richtung Bergspitzen auf.
Oben angelangt eröffnet sich uns eine spektakuläre Kulisse: Wir schauen auf eine schneebedeckte Bergkette zwischen 6000 und 7200 Meter hoch bei strahlend blauem Himmel. Immer wieder schieben sich Wolken dazwischen und mitunter wird nur ein kleiner Teil der Berge sichtbar, während andere Teile verdeckt bleiben. Dann sind wieder alle zu sehen. 3 Stunden mache ich nichts weiter als diesem Naturschauspiel zuzuschauen. Welch ein Glück wir doch haben – der Höhepunkt ist dann tatsächlich sonnig und sichtbar. Ich hole endlich das nach, was ich in Tibet versäumt habe. Luftlinie sind es ja auch gerade mal 10 Kilometer bis zur tibetischen Grenze. Die Aussicht macht die letzten Tage des (Regen)Leids wieder wett. Vollständig vollgesogen von guten Gefühlen endet der Tag wie immer: gemeinsam mit den (wohl) genährten Hühnern.
28. September
Nebel, Wolken, Regen, Kälte, Schwermut, Schlafen mit dem gesamten Rucksackinhalt am Körper. Wieder merke ich die Höhe: Konzentrationsstörungen, Gereiztheit.
29. September
Abstieg über 7 Stunden bei strömendem Regen. Insgesamt 1400 Höhenmeter an einem Tag. Wann in Gottes Namen bin ich diese Strecke hochgelaufen?! Stolz wie Oskar. Vollständig erschlagen gehe ich jetzt schon vor den Hühnern ins Bett. Strom, Decken, Duschen oder sonstiges interessieren mich nicht die Bohne. Na, vielleicht sollte ich doch so ein klitzekleines Hanfpflänzchen....???? (Sind ja wieder im Hanfparadies....) Nebenan ein Foto nach dem heutigen Tag. Erschoepfung pur!
30. September
Der letzte Abstiegstag erfreut uns mit Sonne. Endlich sehen wir die Landschaft, die wir auf dem Hinweg im Nebel nur vermuten konnten. Regenwälder, Rhododendren. Hin und wieder sind zwischen den Zwei- bis Dreitausender die schneebedeckten Spitzen des Langtangmassivs sichtbar. Weitere 5 Stunden geht es ausschließlich bergab. Meinen Freunden, den Blutegeln ist es heute zu trocken, nur einen kann ich an meiner Jacke begrüßen. Anfängliche Bittgesuche meines linken Knies an die Adresse meines Großhirns bleiben unbeantwortet. Kurze Zeit später scheint es dann ins Koma gefallen zu sein, denn es kommt keine Meldung mehr.
Überglücklich erreichen wir unser Ziel. Und es folgt eine Überraschung nach der anderen. Ein großes, warmes, sauberes Zimmer. Dusche, sogar warm mit Wasser aus der Wand!!. STROM!!!! Internet. Gaaaaaaaaanz viele Tante Emma Läden mit Schokoriegeln! Boah, da gibts sogar Seife. Ich rieche mittlerweile wie erwartet wie ein Nepalese/Tibeter – rauchig, schweißig. Hier ist es paradiesisch! Ich bin wohl doch ein Zivilisationsmensch.
Aber: die Tage waren wundervoll und super geeignet um der Zivilisation mal Lebewohl zu sagen. Rausser kann man nicht mehr sein. Obwohl ein wenig Sonne sicherlich schön gewesen wäre. Ein kleiner Ausflug an meine Grenzen und ein Ausprobieren wie wenig man tatsächlich zum Leben und Glücklichsein auf dieser Erde benötigt, obwohl ich mit dieser bitteren Armut der Menschen hier nicht tauschen möchte. Vielmehr erschreckt sie mich eigentlich immer wieder, vor allem aber, dass im Jahr 2007 immer noch dermaßen krasse Unterschiede auf der Erde herrschen.
Die einen können sich nicht ein einziges Paar Schuhe leisten, während im anderen, meinem Teil der Erde Schuhe nach 4 Wochen aus modischen Gesichtspunkten weggeworfen werden.
Es ist ein ständiges Zerrissensein. Ich kann nachvollziehen, dass hier in breiten Teilen der Bevölkerung der Wunsch nach Änderung besteht und sich dieser Wunsch sich in großer Sympathie zu den Maoisten manifestiert. Jedoch befürchte ich eher eine Verschlechterung für die Bevölkerung, wenn diese tatsächlich an die Macht kommen sollten. Für Mittwoch, 3. Oktober, ist ein Generalstreik angekündigt. Ein Grund, warum wir den Trek um einen Tag kürzen. Sonst kommen wir nicht mehr nach Kathmandu.
1. Oktober
Abschlusswellness im Bus nach Kathmandu. Heute 2 Stunden länger, da wir den Trek abgekürzt haben und nun mit dem Bergbus auf abenteuerlichen Schotterpisten auf 2000 Höhenmetern die Serpentinen entlangschlittern. In mir kommt nackte Angst auf und ich zweifel am Happy End. Eine Fahrt, die ich so schnell nicht vergessen werde. Am Erdrutsch geht es dann wieder zu Fuß weiter am Abgrund vorbei und in einen Bus, der lediglich sicherer aussieht, es aber vom Gefühl her nicht ist. Bei nepalesischen Volksgesängen rumpeln wir über die Berge im Schneckentempo gen Hauptstadt. Ich will nur noch ankommen. Die Weiterfahrt nach Indien wird abgesagt, die Entscheidung fällt für einen Flug nach Bangkok. Mir ist dringend nach Erholung.
Eine Höllenfahrt, die jedoch durch traumhafte Berglandschaften des Himalayas führt. Eigentlich führt sie beständig an den Hängen der Berge entlang. Wolkenformationen verdecken die verschiedenen Bergformationen in immer neuen Varianten und hin und wieder eröffnet sich der Blick auf die Sechs- und Siebentausender dieser Region. Im Ort angekommen: Western Union und Internet auf 2000 Metern Höhe!.Ist ja auch wichtiger als eine Straße...
Trekking die Erste: 24. September
Nach dem stundenlangen Gerüttel im Bus fällt es mir nicht schwer mit den Hühnern ins Bett zu gehen. Im wörtlichen Sinne wäre das auch gar nicht so schlecht, gehören sie doch zu den Warmblütern und mein Bett ist einfach finster kalt. Die Decken – zum Glück gibt es überhaupt welche – haben bereits den Dalai Lama bei seiner Flucht 1959 aus Tibet gewärmt. Liegt man unter ihnen, dann hat man jedenfalls das Gefühl, dass mehrere Jahrzehnte auf einem lasten. Eine wirkliche Alternative gibt es jedoch nicht, mein Seidenschlafsack stellt jedenfalls keinerlei Kältebarriere dar, doch dient er als psychologischer Schutz vor besagten Decken, die den Geruch der Nepalesen, nach Yakbutter, Rauch und Schweiß ausströmen.
(Schon bald soll ich auch so riechen...) Keinen Schutz hingegen, weder physischer noch psychischer Art gewährt er vor den Flöhen. Sie laben sich mal wieder an mir und der Rat eines eifrigen Bloglesers man möge sich bei Flohbefall neben eine heiße Dusche stellen, da diese possierlichen Tierchen zu den Genusswesen zählen und somit in die Wärme springen, ist in Ermangelung warmen, geschweige denn heißen Wassers nicht durchführbar.
Gegen 4.30 Uhr wecken mich die Mönche, als sie auf ihren Instrumenten – eine Art Hörner – tröten und dabei kleine Glocken läuten. Kann ich eigentlich auch gleich wach bleiben, denn für die nächsten Tage ist um 6.00 Uhr die Nacht zuende.
Unser Weg führt uns zunächst von ca. 2000 Höhenmeter abwärts durch Rhododendren- und Pinienwälder. Es nieselt leicht. Auf und ab geht es immer weiter zur ersten „Tee“- Hütte. Es ist nichts weiter als eine Bauerskate. Die Bewohner verdienen sich durch den Tee-Verkauf ein paar Rupien zu ihrem Unterhalt hinzu. Ihre 2 Kinder schauen neugierig aber zurückhaltend auf uns Fremde, fast apathisch wirken sie. Wäre ich wohl auch, hätte ich nichts weiter als ein paar dreckverschmierte Klamotten und keine Schuhe zum Anziehen. Und das bei einer Temperatur um die 15°C und leichtem Nieselregen.
Weiter gehts jetzt nur noch bergauf durch farnüberwucherte Regenwälder und sich langsam verengende Wege, immer unserem Führer und unserem Träger hinterher, der die nicht beneidenswerte Aufgabe hat unsere Rucksäcke bis zum bitteren Ende zu schleppen.
Etwa 30 Kilogramm hat er auf dem Rücken und er sieht alles andere als wohl ernährt aus. Eher erscheint er uns schwindsüchtig. Doch es ist in Nepal normal sich Träger für alles mögliche zu nehmen. Die ortsansässigen Träger tragen Lasten von bis zu 50 Kg, die einzige Möglichkeit des Transports hier, denn Straßen existieren überhaupt keine. Manch Träger hat über die Jahre O-Beine entwickelt. Im Grunde sind es keine Beine, sondern Stelzen.
Mittagspause wird bei der nächsten Bauersfamilie eingelegt. In einer einfachen, aber verglasten Panoramahütte steht dazu ein Kanonenofen, der fürchterlich räuchert. In einer kleinen Nische steht ein lehmgebrannter Ofen, auf dem eine junge Frau das Mittagessen für uns alle zubereitet. Kein fließendes Wasser, kein Strom und dennoch im Handumdrehen ein prima Essen. Schließlich sitzen wir alle – jede Party endet früher oder später dort – in der Küche. Gestärkt begeben wir uns zum nächsten Teilstück – nun leider im leicht strömenden Regen. Es folgt die Bekanntschaft mit den nächsten sangrophilen Geschöpfen: Blutegel! Frage ich mich bereits bei Flöhen und Mücken nach ihrem Sinn auf dieser Erde, so finde ich bei diesen Kreaturen erst recht keine Antwort. Sie lauern auf Gräsern und entern dann die vorbeiziehenden Warmblüter. Ein Wurm, ähnlich einem Regenwurm mit einer fiesen Saugfläche am Ende. Sie kann man mit Schnupftabak oder Salz sehr leicht entfernen.
In der Nachthütte (auf 2200 Metern) besteht die Hauptbeschäftigung denn auch aus Blutegel absammeln und Kleidung trocknen – wieder in der hauseigenen Räucherkammer. Erstmals seit über 30 Jahren gehe ich vor der Ausstrahlung des Sandmännchens ins Bett.
25. September
Gegen halb sechs erwache ich alles andere als erfreut von der Geräuschkulisse draußen: strömender Regen! Hey, nicht an meinem Ehrentag! Diskussion. Weichei oder nicht Weichei, das ist hier die Frage! Hardcore Wanderer heißt die Entscheidung. Durch viele nicht sichtbare Berge mit Blick auf den Morast gerichtet vergeht der Tag erfreulich schnell und wir kommen tatsächlich am Ziel an. Auf der Mittagshütte entferne ich einen Blutegel vom Fuß und glaube anschließend zu verbluten. Pflaster, Wundspray, nichts hilft. Es hört und hört nicht auf. Ob der ADAC die Attacke eines Blutegels wohl als Notfall mit entsprechendem Hubschrauberrettungseinsatz werten würde? Wohl nicht, leider!
Am Abend kommen wir triefend nass und erschöpft auf der Nachthütte (auf 2400 Metern über NN) an. Muttis kleine Hanfplantage! Man könnte damit Kreuzberg und Neukölln drei Wochen lang versorgen. Leider noch nicht erntereif. Es gibt der weltbeste Dusche: ein Eimer heißes Wasser und mein Geburtstag wird unvergesslich bei Mutti in der Küche am Lehmofen mit nepalesischem Grog gefeiert. Versunken (später dann im wahrsten Sinne) beobachten wir die Köchin dabei wie sie unser Essen bereitet. Vollendetes Glück – wer hätte das am Morgen gedacht.
26. September
Regen, was sonst. Aber keine Diskussion: wir gehen. Knapp 1000 Höhenmeter stehen auf dem Programm. So anstrengend der Weg durch Schlammpfützen und Unmengen von Kuhfladen auch ist, so schön ist er dennoch, denn er führt durch scheinbar verzauberte Wälder. Große alte Bäume sind über und über bis in die Kronen von Farnen bewachsen. Der gesamte Wald – Stämme, Felsen usw. – alles ist von einem Moosteppich überdeckt als hätte ein Raumausstatter Überstunden gemacht. Dazwischen immer wieder kleine und große Rhododendronbäume und –büsche, die zum Teil noch blühen. Wie mag es hier im Frühjahr wohl aussehen? Entlang eines reißenden Gebirgsflusses steigen wir immer weiter bis wir in eine Hochebene mit dem Dörfchen Langtang (3400 Meter) kommen. Nächste Übernachtung jetzt ganz ohne Strom. Nicht auf dem Zimmer, nicht im Klo. Meine Geburtstagskerze hilft und ein netter Abend mit drei Österreichern, denen das Wetter ähnlich aufs Gemüt schlägt.
27. September
Der letzte, kurze Aufstieg auf knapp 3900 Meter und, man höre und staune: kein Regen und klare Sicht. Fast mystisch steigen vereinzelt Wolken aus dem Tal Richtung Bergspitzen auf.
Oben angelangt eröffnet sich uns eine spektakuläre Kulisse: Wir schauen auf eine schneebedeckte Bergkette zwischen 6000 und 7200 Meter hoch bei strahlend blauem Himmel. Immer wieder schieben sich Wolken dazwischen und mitunter wird nur ein kleiner Teil der Berge sichtbar, während andere Teile verdeckt bleiben. Dann sind wieder alle zu sehen. 3 Stunden mache ich nichts weiter als diesem Naturschauspiel zuzuschauen. Welch ein Glück wir doch haben – der Höhepunkt ist dann tatsächlich sonnig und sichtbar. Ich hole endlich das nach, was ich in Tibet versäumt habe. Luftlinie sind es ja auch gerade mal 10 Kilometer bis zur tibetischen Grenze. Die Aussicht macht die letzten Tage des (Regen)Leids wieder wett. Vollständig vollgesogen von guten Gefühlen endet der Tag wie immer: gemeinsam mit den (wohl) genährten Hühnern.
28. SeptemberNebel, Wolken, Regen, Kälte, Schwermut, Schlafen mit dem gesamten Rucksackinhalt am Körper. Wieder merke ich die Höhe: Konzentrationsstörungen, Gereiztheit.
29. September

Abstieg über 7 Stunden bei strömendem Regen. Insgesamt 1400 Höhenmeter an einem Tag. Wann in Gottes Namen bin ich diese Strecke hochgelaufen?! Stolz wie Oskar. Vollständig erschlagen gehe ich jetzt schon vor den Hühnern ins Bett. Strom, Decken, Duschen oder sonstiges interessieren mich nicht die Bohne. Na, vielleicht sollte ich doch so ein klitzekleines Hanfpflänzchen....???? (Sind ja wieder im Hanfparadies....) Nebenan ein Foto nach dem heutigen Tag. Erschoepfung pur!
30. September
Der letzte Abstiegstag erfreut uns mit Sonne. Endlich sehen wir die Landschaft, die wir auf dem Hinweg im Nebel nur vermuten konnten. Regenwälder, Rhododendren. Hin und wieder sind zwischen den Zwei- bis Dreitausender die schneebedeckten Spitzen des Langtangmassivs sichtbar. Weitere 5 Stunden geht es ausschließlich bergab. Meinen Freunden, den Blutegeln ist es heute zu trocken, nur einen kann ich an meiner Jacke begrüßen. Anfängliche Bittgesuche meines linken Knies an die Adresse meines Großhirns bleiben unbeantwortet. Kurze Zeit später scheint es dann ins Koma gefallen zu sein, denn es kommt keine Meldung mehr.
Überglücklich erreichen wir unser Ziel. Und es folgt eine Überraschung nach der anderen. Ein großes, warmes, sauberes Zimmer. Dusche, sogar warm mit Wasser aus der Wand!!. STROM!!!! Internet. Gaaaaaaaaanz viele Tante Emma Läden mit Schokoriegeln! Boah, da gibts sogar Seife. Ich rieche mittlerweile wie erwartet wie ein Nepalese/Tibeter – rauchig, schweißig. Hier ist es paradiesisch! Ich bin wohl doch ein Zivilisationsmensch.
Aber: die Tage waren wundervoll und super geeignet um der Zivilisation mal Lebewohl zu sagen. Rausser kann man nicht mehr sein. Obwohl ein wenig Sonne sicherlich schön gewesen wäre. Ein kleiner Ausflug an meine Grenzen und ein Ausprobieren wie wenig man tatsächlich zum Leben und Glücklichsein auf dieser Erde benötigt, obwohl ich mit dieser bitteren Armut der Menschen hier nicht tauschen möchte. Vielmehr erschreckt sie mich eigentlich immer wieder, vor allem aber, dass im Jahr 2007 immer noch dermaßen krasse Unterschiede auf der Erde herrschen.
Die einen können sich nicht ein einziges Paar Schuhe leisten, während im anderen, meinem Teil der Erde Schuhe nach 4 Wochen aus modischen Gesichtspunkten weggeworfen werden.
Es ist ein ständiges Zerrissensein. Ich kann nachvollziehen, dass hier in breiten Teilen der Bevölkerung der Wunsch nach Änderung besteht und sich dieser Wunsch sich in großer Sympathie zu den Maoisten manifestiert. Jedoch befürchte ich eher eine Verschlechterung für die Bevölkerung, wenn diese tatsächlich an die Macht kommen sollten. Für Mittwoch, 3. Oktober, ist ein Generalstreik angekündigt. Ein Grund, warum wir den Trek um einen Tag kürzen. Sonst kommen wir nicht mehr nach Kathmandu.
1. Oktober
Abschlusswellness im Bus nach Kathmandu. Heute 2 Stunden länger, da wir den Trek abgekürzt haben und nun mit dem Bergbus auf abenteuerlichen Schotterpisten auf 2000 Höhenmetern die Serpentinen entlangschlittern. In mir kommt nackte Angst auf und ich zweifel am Happy End. Eine Fahrt, die ich so schnell nicht vergessen werde. Am Erdrutsch geht es dann wieder zu Fuß weiter am Abgrund vorbei und in einen Bus, der lediglich sicherer aussieht, es aber vom Gefühl her nicht ist. Bei nepalesischen Volksgesängen rumpeln wir über die Berge im Schneckentempo gen Hauptstadt. Ich will nur noch ankommen. Die Weiterfahrt nach Indien wird abgesagt, die Entscheidung fällt für einen Flug nach Bangkok. Mir ist dringend nach Erholung.
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