Revolution in der Ha Long Bucht

Es gibt Ausflüge, die gehören einfach zum Pflichtprogramm. Ein solcher ist derjenige in die Ha Long Bucht. Mit absoluter Sicherheit ein landschaftliches Juwel und ein Highlight auf meiner Reise. Zwar habe ich ähnliches schon häufiger gesehen, doch bisher nur in den Varianten Karstberg in Reisfeld oder Karstberg an Fluss. Hier sind die Karstberge vom Meer umspült, was die Atmosphäre noch einmal vollständig verändert. 1969 Hügel erheben sich aus dem Wasser und ich schipper für zwei Tage durch sie hindurch. Nun, ICH trifft es nicht ganz, passender ist WIR – und davon ganz viel, denn das Pflichtprogramm absolvieren eben so gut wie alle Touristen, die nach Vietnam reisen. So befinde ich mich zwar gemütlich auf einem nicht wirklich überfüllten Boot, aber insgesamt ist es doch ein ziemlicher Massenauftrieb. Die Bucht ist vollgestopft mit historischen Booten oder besser nachgemachten historischen Booten mit Segeln, die aussehen als seien sie einem Drachenflügel nachempfunden. Will man, dass das Segel des eigenen Bootes gesetzt wird, so darf man pro Segel 20 US$ dafür bezahlen. Bei drei Segeln geht das ziemlich ins Geld. Aber das sieht schon toll aus und ich kann meine Fotosammlung mit dem Motiv „Drachensegelboot vor Sonnenuntergang in Wasser an Berg“ bereichern. Die Tour ist vollständig durchgeplant. Programmpunkt Höhle, exakt 30 Minuten, Stopp am Kajakcenter, um für 60 Minuten das Fitnessprogramm zu absolvieren. Weiterfahrt zum Ministrand und für 15 Minuten schwimmen, damit rechtzeitig zum Sonnenuntergang ein kleiner Hügel aufgesucht werden kann, der wahrscheinlich deswegen ausgesucht worden ist, damit man den Sonnenuntergang perfekt in ein Kameraobjektiv gepresst bekommt - Canonhill. Weiterfahrt zum Ankerplatz, an dem so ziemlich alle Boote Halt machen, um dort die Nacht zu verbringen und natürlich um den Programmpunkt Abendessen abzuhaken. Der ganze Tag ist schon sehr verplant. Aber was in Prospekten versprochen worden ist, muss natürlich auch eingehalten werden. Sonst gibt es Beschwerden. Meine Mitreisenden passen da auf wie die Füchse. Einem holländischen Pärchen fällt auf, dass der Begrüssungstrunk nicht verabreicht worden ist (betrunken sind sie am Abend dennoch und bespaßen mich mit extremem Antisemitismus!), einem deutschen Mitreisenden wiederum missfällt, dass die Weiterfahrt etwas verspätet ist, was eben den Programmpunkt ‚Sonnenuntergang‘ gefährdet. Nach und nach entsteht fast so etwas wie eine kleine Palastrevolution und spätestens jetzt fühle ich mich wie auf einer Veranstaltung der Firma TUI (allerdings ohne Lamagolddeckenverkauf). Nicht zuletzt aufgrund der Anwesenheit einer pensionierten Grundschullehrerin, die ein Verhalten aufweist, vor dem ich schlichtweg Angst habe, dass auch ich es mir eines Tages zulegen werde. Oder, Gott bewahre, bin ich etwa jetzt schon so? Liebe Freunde: bitte, bitte sagt es mir rechtzeitig! Am Abend wird noch der Programmpunkt Vollmond ergänzt, ohne Aufpreis, aber das bekommen meine Mitreisenden gar nicht richtig mit, sie hocken im Boot und erläutern sich gegenseitig ihre Prospekte und die entsprechenden fehlenden Teile. Das artet fast zum Wettbewerb aus. Ein wenig wie Bingo - wer alle fehlenden Punkte in seinem Prospekt findet hat gewonnen. Ich muss sehr aufpassen, dass ich mich von dieser Unmutswelle nicht mitreissen lasse. Auf jeden Fall immer wieder spannend die Entstehung eines solchen Aufstands zu beobachten. Aber mein Abend auf dem Deck ist fantastisch. Die Beleuchtung der anderen Boote spiegelt sich auf dem Wasser, der Vollmond natürlich auch und im Hintergrund erheben sich die Silhouetten der Berge. Nun, ein wenig Unmut verspüre auch ich, da ich quasi auf dem Schiffsmotor schlafen muss. Noch nicht mal Ohropax können da etwas ausrichten. Der Lärm ist unbeschreiblich und dauert bis Mitternacht, da es keinen separaten Generator gibt. Naja, dann kommen die Ohropax halt in die Nase - da wirken sie gegen den Schiffsdieselgestank.

Der zweite Tag ereignet sich überwiegend auf einer kleinen bewohnten Insel und auch hier werden meine Mitreisenden nicht müde sich gegenseitig über fehlende Programmpunkte zu ereifern. Auch eine Art Urlaub zu machen. Die Insel ist nicht sonderlich hübsch, hat einen leichten Kanareneinschlag, ist aber immer noch ausreichend um faul aufs Meer zu starren oder einfach ein wenig in den Hügeln herumzuklettern. Hier befindet sich auch eine Höhle, in der die Vietnamesen die Kranken und Verletzten des Krieges während der Bombenangriffe der Amerikaner gepflegt haben.

Am dritten Tag geht es zurück ans Festland – ein letzter Blick auf die fantastische Landschaft und dann gehts wieder zurück ins stressige Hanoi mit seinen vielen Mopeds und dem niemals endenden Gehupe.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
lieber Jürgen, bei deinen Beschreibungen kommt Neid auf. Wir gönnen dir auf alle Fälle die Eindrücke und Erlebnisse und... die Meckermänner sind überall. :-) lG ein golden girl
Anonym hat gesagt…
Na da hast Du ja das Glückslos mit den Mitreisenden gezogen. Die Zusammenballung der Boote fand ich ja auch etwas unromantisch. Als uns dann aber gesagt wurde, dass das auch ein Schutz vor Piraten sei, fand ich es eigentlich ganz vernünftig, nicht alleine zwischen den Inseln zu übernachten.
Achim
Anonym hat gesagt…
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