Reste
Ein Frühstück am See, mit Zeitung bei klarstem blauen Himmel. Ich wähne mich im Urlaub, die Augen tränen angesichts der 3 Millionen Lux, die einstrahlen. Keiner stört. Ein Stöhnen von links, sitzt aber keiner dort. Hmm, ein genauerer Blick unter den Tisch fängt einen Europäer ein, dem es anscheinend überhaupt nicht gut geht. Bei meinem Rettungsversuch werde ich von einer Alkoholwolke benebelt, so dass es mich fast selbst umhaut. Die Rotweinflasche und diverse andere Flaschen erklären alles weitere. Die Kumpels von letzter Nacht haben sich verzogen, nur einer blieb zurück - Kollateralschaden. Überflüssig die Nationalität des derangierten Herrn zu erwähnen – er ist rotblond.
Frisch gestärkt gehts zu einem der Killing Fields. Auch hier gibt es jede Menge Übriggebliebenes. Mit dem festen Vorsatz aus dem Land einen steinzeitlich kommunistischen Staat zu machen - die Harcorevariante, wurden Dinge wie das Währungssystem, der Glaube und die Bildung einfach abgeschafft, zivilisierte Produkte zu einem Teil verboten und die dekadente, weil gebildete Stadtbevölkerung sollte auf dem Land zu den Ursprüngen, sprich bäuerlicher Lebensweise, zurück finden bzw. gefunden werden. Die Umerziehung diente jedoch eher dem Machterhalt, denn denkende Menschen sind bekannterweise gefährlich und müssen beseitigt werden. Da kommt man schon ins Grübeln, wenn man den Zustand des Bildungswesens in manchen Ländern betrachtet. Die allzuviel Denkenden wurden in einem Gefängnis in der Stadt eingesperrt und quasi ausgequetscht wie Zitronen in unendlich grausamen Folterungen. Konsequenterweise war dieses Gefängnis zuvor eine Schule! Schule und Folter haben ja so einige Verwandschaften. Es lässt sich vieles mit Turngeräten anstellen. Die „Privilegierten“ unter ihnen blieben bis zu 6 Monate, die anderen, „Unwichtigen“ nur 3 Monate., bevor sie zur größten Hinrichtungsstätte dieses Landes abtransportiert wurden, etwa 15 Kilometer außerhalb von Phnom Penh. Dort wurden sie dann entweder sofort abgeschlachtet, wobei dieser Begriff wohl zu fast keinem anderen Verbrechen besser passt, denn um kostbare Munition zu sparen, wurden die Menschen auf bestialische Weise zu Tode geprügelt. Oder aber sie mussten im „Wartebereich“ Platz nehmen, denn die Henker waren mitunter heillos überfordert. Am Ende wurden dort allein schätzungsweise 20.000 Menschen gemetzelt - für ganz Kambodscha liegen die Schätzungen zwischen 1 und 3 Millionen. Übrig sind nun Massengräber und eine Gedenkstätte mit einem Turm voller Schädel, auf dass so etwas nie wieder passieren möge. Man darf gespannt sein und auch den einen oder anderen Zweifel äußern, zumal der erste Prozess, in dem das Unrecht der Roten Khmer aufgearbeitet werden soll, gerade erst begonnen hat – nach 30 Jahren – die Mehrheit der Hauptverantwortlichen, Bruder Nr. 1, Pol Pot und die meisten anderen Nummern, hat sich der Verantwortung inzwischen durch Tod entzogen. Im Gästebuch des Gefängnismuseums freute sich eine Reisende darüber, dass so etwas heute undenkbar wäre, die Welt habe ja inzwischen dazu gelernt. Hat sie?
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