Armut

Meine kleine Kamera möchte heute unbedingt mit in die Stadt und nörgelt. Nach Sichtung der Lage in den letzten 48 Stunden erlaube ich ihr schließlich mitzukommen, doch die große bleibt definitiv im Hotel. Damit erhöht sich der Schwierigkeitsgrad um eine Stufe. Heute mal mit einer Wertsache durch die Stadt streifen. Na, ganz so schwierig wirds dann doch nicht, denn ein heftiges Tropengewitter fesselt mich an ein Straßencafe, in dem der nächste Roman an die Reihe kommt. Da ich viel Zeit hier eingeplant habe ist das unproblematisch einen Regen-Lesetag einzulegen. Als es dämmert verspüre ich nicht so große Lust noch weiter umherzuwandern und es wird ein früher Abend im Hotel, wo ein Niederländer Zuflucht vor seiner brasilianischen Schwiegermutter, anscheinend ein echter Teufel, genommen hat. Er lebt seit 10 Jahren in Sao Paulo und berichtet mir ein wenig über das Leben hier. Das, was überall beschrieben wird, ist wohl, auch wenn ich das in den Straßen nicht sehen kann, Tatsache. Abends gibt es im Fernsehen eine Sendung, in der die Verbrechen des Tages berichtet werden. Meist aus den Favelas, den Armenvierteln, doch vereinzelt auch aus anderen Gebieten, wenn der „Abfall“ – O-Ton des Niederländers – aus den Favelas in die ansonsten sicheren Stadtteile hineinschwappt. Eine Wortwahl, die mich doch sehr verwundert, hier jedoch anscheinend normal ist. Auf die Frage warum man hier in dieser wichtigsten und reichsten Wirtschaftsmetropole von Südamerika nicht auf die Idee kommt, dass man als Superreicher, von denen es hier Unmengen gibt, vielleicht besser leben könnte wenn man das Geld, was für Sicherheit (als Reicher bewegt man sich hier ausschließlich per Hubschrauber) aufgewendet werden muss, in soziale Projekte und Bekämpfung der Armut steckte, wird auf die Mentalität verwiesen. Nach dem 2. Weltkrieg wanderten meine Landsmänner und –frauen mithilfe der katholischen Kirche nicht nur nach Argentinien, sondern eben auch verstärkt nach Brasilien aus. Diese neue Bevölkerungsgruppe, ausgestattet mit viel Geld, das in den Jahren zuvor beiseite geschafft worden ist, startete hier dann wirtschaftlich sehr erfolgreich durch. Die „spezielle“ Einstellung anderen Rassen gegenüber hat man hier einfach weiter kultiviert. Im Süden des Landes gibt es komplett deutsche Kleinstädte, in einer davon ein Gebäude in Form eines Stahlhelms der Landser. Im Übrigen sind auch viele Japaner nach dem 2. Weltkrieg nach Brasilien ausgewandert, von denen hier so viele herumlaufen, dass man sich mitunter in Japan wähnt.
Vor diesem Hintergrund beginnt man zu verstehen warum die Favelabewohner so drauf sind und wundert sich fast, dass es wohl noch ehrliche Menschen dort gibt. Und deren Leben ist dann richtig schwer. Bei einer Arbeitslosigkeitsrate von um die 50% gibt es keine große Wahl und die pure Not zwingt die Menschen in jede noch so schlecht bezahlte Arbeit.
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