Atemlos

Unsere kleine Reisegemeinschaft erinnert zwischendurch an ein schlecht belüftetes Aquarium. Die Höhe macht allen arg zu schaffen. Auf 4000 Metern wird im drei zu eins Takt geatmet: 3 kurz, ein lang. Am höchsten Punkt unserer Tour reduziert sich der Takt dann auf zwei kurz und ein lang. Ein wenig kommt man sich vor wie auf einem Rentnerausflug und bekommt eine Idee vom eigenen Alter. Außer dem Dauerkopfschmerz, vereinzeltes Erbrechen, Appetitlosigkeit, Flatulenzen und allgemeiner Schlaflosigkeit passiert aber nichts wirklich schlimmes, die üblichen Höhenkrankheitssymptome eben. Zum Abendessen erscheint jeden Tag einer weniger und ich erwarte fast heute alleine zu Abend zu essen, aber erstaunlicherweise quälen sich dann alle doch zu Tisch. Am Sonntag befinden wir uns durchgängig auf 4000 Metern bis zum höchsten Punkt mit 4850 Metern. Da spricht dann auch niemand mehr, weil alle doch sehr damit beschäftigt sind nach Luft zu japsen. Wir fahren den gesamten Tag durch mehrere Täler auf einer Hochebene immer direkt entlang der bolivianischen Grenze. Unzählige Vulkane säumen die Strecke, vereinzelt noch leicht rauchend, Salzseen mit – wie langweilig – Flamingos darin sowie inzwischen schon fast normal gewordene Lama-, Guanaco- und Alpakaherden, die es dann immer zum Abendessen gibt. Condore, Andengänse und Enten sind noch zu erwähnen. Mehrere bildhübsche Dörfer liegen auf der Strecke und je weiter wir fahren, desto mehr verringert sich die Einwohnerzahl. Im letzten lebt dann nur noch eine ältere Dame. Das nenn ich mal sturmfreie Bude. In der Kirche Bier trinken, Stereoanlage aufgedreht und keinen störts. Wenn denn Strom vorhanden wäre.... Die Jugend zieht hier weg, was angesichts der unwirtlichen Lebensbedingungen nicht schwer nachzuvollziehen ist. Selbst im Sommer nähert sich die Temperatur nachts gefährlich der Frostgrenze. Was mich veranlasst zum Schlafen den gesamten Rucksackinhalt anzuziehen. Zum Glück gibts im Hostel in Colchane (mit ein paar mehr Einwohnern) warmes Wasser zum Duschen und mir geht unter der Dusche der Gedanke durch den Kopf, dass wir wohl die einzigen in diesem gottverlassenen Nest sind, die diesen Luxus genießen können. Am Montag gehts gleich nach dem Frühstück wieder auf Entdeckungstour. Heute stehen als erstes Riesenkakteen auf dem Programm. Die größten dürften so an die 6 Meter hoch sein und sind einfach nur faszinierend schön wie sie da so in der Landschaft herumstehen. Fotomotive satt. Ein Hauch von Mexiko. Weiter gehts bergab vorbei an kleineren Canyons, buntgefärbten Berggipfeln und irren Felsformationen. Damits nicht langweilig wird folgt eine Landschaft, die so aussieht, als würde jeden Moment John Wayne um die Ecke geritten kommen. Und zum Schluss dann wieder richtig üble Schotterwüste. An einem Tag durchleidet mein Körper von frostigen Graden bis Affenhitze alles. Soll ja gut für die Haut sein. Noch schnell einen Geoglyph angeschaut – mit 86 Metern der größte hier, der seit etwa 1000 v.C. existiert. Diese Gestalten findet man in den Wüsten an Hügeln und sie haben einen religiösen Hintergrund. Und als Abschluss dann ein Abstecher zu den Salpetermienen, die zum Weltkulturerbe erklärt worden sind. Es sieht hier so aus als wohnte hier irgendein Westernheld und würde jeden Moment High Noon mit uns spielen. Tatsächlich sind im Bergarbeiterlager Humberstone diverse Filme gedreht worden, wie z.B. „Gone with the wind“ oder „Frankenstein“. Bis in die 60er Jahre wurde hier Salpeter abgebaut bis dann schliesslich diese Deutschen kamen und Salpeter künstlich herstellten, so dass dieses Bergwerk in der Folge überflüssig wurde. Und endlich nach 4 Tagen Dauerbeschuss mit Eindrücken sind wir in Iquique angekommen, einer mittelgroßen Stadt am Pazifik. Erholung ohne Atemnot und Staubwolken bei leichter Ozeanbrise und einem Pisco Sour.

Kommentare

Anonym hat gesagt…
da fällt mir nur eines ein WAHNSINN, will auch weg & Entdeckung, -spannung, -wicklung und vieles mehr.
a liabs Grüßle

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