Sao Paulo, zweiter Teil
Nun versuche ich mal den gestrigen Tag in eine ausführlichere Form zu pressen. Nachdem Achim abgereist war habe ich mich noch ein wenig in Buenos Aires wohlgefühlt. Die Stadt ist wirklich wunderbar und vor allem auch deswegen angenehm, weil die Sucherei und Orientierung dort nicht mehr nötig war. Etwas, was sehr entspannend wirken kann. Insofern war ich dann tatsächlich auch wieder höchst aufgeregt was den „Ausflug“ nach Brasilien betrifft. Der Reiseführer ist da nicht so ergiebig und wenn, dann stehen da doch recht beunruhigende Dinge drin. Im Internet – nicht besser: viele schlimme Berichte über die Kriminalität in Sao Paulo. Aus der Ferne wirkt das dann quasi allgegenwärtig und innerlich bin ich auf meinem Weg zum Flughafen in Buenos Aires schon auf ein Bürgerkriegsgebiet eingestellt und eigentlich nur noch die Frage offen bleibt ob ich schon auf dem Weg vom Flughafen im Taxi oder erst im Hotel ausgeraubt werde. Nichts dergleichen geschieht. Sicher, ich werde ausgeraubt in der Taxe, aber lediglich finanziell und vollständig legal, denn es ist wirklich die teuerste Taxifahrt meines Lebens. Der Taxifahrer: nicht wirklich so wie man sich die Menschen hier vorstellt. Freundlich ausgedrückt: er ist etwas fülliger, so dass er den Gurt nicht um seinen Adoniskörper geschwungen bekommt. Zur Tarnung ist der Gurt denn nur gelegt, nicht geschnallt – auch mal was für nen neuen James Bond Film. Die 25 Kilometer in die Stadt staut es sich so dahin und ich schlafe ein (zwei Stunden Fahrt!). Allerdings nicht lange, denn der „junge“ Mann hat nen heißen Fahrstil, was den Adrenalinhaushalt wieder auf Touren bringt und mich zum Anschnallen bewegt. Selbst im Stau kann man rasen. Wieviel Motorradfahrer er letztlich fast ins Jenseits befördert – ich komme mit dem Zählen nicht mehr hinterher. Der gesamte Weg in die Stadt ist Beton. Den Namen schönste Stadt bekäme Sao Paulo sicherlich nicht, aber dennoch eröffnen sich schöne Ansichten. Vom Flieger aus sah man bis zum Horizont Betonwüste mit vereinzelten Hochhausinseln. Das alles in einer leichten Hügellandschaft.
In der Stadt finde ich dann relativ problemlos ein Hotel für mein Budget, allerdings nicht direkt im Zentrum, sondern nur angrenzend. Erstes Orientierungsstündchen mit der Hotelangestellten, die lediglich portugiesisch spricht und den Plan, den sie mir aushändigt auch nicht lesen kann, dafür aber ganz entzückend witzig drauf ist. Schon ein Ding, dass sie selbst nicht in der Lage ist ihr eigenes Hotel auf dem Plan zu finden. Der Kioskverkäufer ist ebenso wenig fähig sich auf dem mir verkauften Plan zu orientieren. Was ihn nicht daran hindert es zumindest zu versuchen. Mit einer Mordsgeduld, die mir völlig abgeht sucht er und erklärt er und sucht er und erklärt er und findet: NICHTS!. Auf gut Glück, gefühlte 3 Stunden später, enter ich einen Bus ins Zentrum und alles wird gut – ich komme an. Dort erwarte ich wieder jeden Augenblick überfallen zu werden, das Geld in den Socken drückt schon, aber die in Frage kommenden Räuber laufen alle als lebende Litfasssäulen herum. Jede Menge Männer in Lumpen gehüllt tragen Schilder mit Werbung mit sich herum. Ein absurdes Bild. Menschen sind anscheinend billiger als ein Stahlgestell. Das ist sowieso mein Eindruck. Das Leben hier ist enorm teuer – fast das Niveau von Europa, Anteil haben aber unglaublich viele Menschen nicht und man fragt sich wie diese Menschen hier bei einem Mindestlohn von um die 100 Euro über die Runden kommen. Wahrscheinlich Programm, denn so können die sich eine Fahrt mit der U-Bahn nicht leisten und die ist entsprechend sicher. Gefühlt und gelesen. Aber voll ist sie und groß. Im Minutentakt fahren die Züge ein und man schiebt so mit.
Und schließlich lerne ich in einem Cafe einen Amtskollegen kennen, der hier in Sao Paulo an einer staatlichen Schule arbeitet, der mich erst einmal aufklärt wo ich relativ sicher hingehen kann und wo ich mich abends besser nicht blicken lasse. Anscheinend war meine Hotelwahl was die Gegend betrifft sehr gut, denn dort könne man auch abends herumlaufen. Und tatsächlich – ich komme, nunmehr den U-Bahn-Plan im Kopf – sicher um Mitternacht zuhause an und habe den ersten Tag gut überstanden. Es war sehr, wirklich sehr aufregend und schön sich bewusst zu machen, dass ich jetzt in diesem vielgepriesenen Land Brasilien bin!
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