Bolivien
Vollständiger Szenenwechsel. 10 Km gehts über gut asphaltierte Straße zur Staatsgrenze, nicht ohne, dass ich mit meiner kleinen temporären Reiseschicksalsgemeinschaft vorher am städtischen Busbahnhof einen Ausreisestempel abgeholt habe, denn das muss man an diesem brasilianischen Grenzpunkt merkwürdigerweise inlandig machen. Selbst ohne die bolivianische Flagge und die Beschilderung bemerkt man allein am Straßenbelag, dass das Land gewechselt hat: Schotterpiste. Die Einreise verläuft unspektakulär, man wird irgendwie registriert und wir bekommen sogar einen Einreisestempel. Vor die Wahl gestellt wie lange ich denn bleiben möchte wähle ich lieber die volle Dosis von 90 Tagen. Sonst wärens 30 geworden. Man weiß ja nie. Wahrscheinlich habe ich damit das Tagespensum an Aufenthaltstagen für diesen Grenzpunkt erreicht, denn zwei weitere Reisende, die wir am Bahnhof wiedertreffen, bekommen kurz nach uns keinen Einreisestempel mehr. Den gäbe es erst wieder morgen hier oder in Santa Cruz oder sonstwo. Ein eher laxer Umgang mit Einreisenden. Nun heißt es warten und so liegen wir vor dem Bahnhof im Gras und lassen die neuen Eindrücke auf uns wirken. Es versp
richt interessant zu werden. Lauter halbhohe Gestalten, die Bolivianer sind sehr klein, wuseln herum und sind spannend anzuschauen. Die Frauen tragen zum großen Teil traditionelle Gewänder. Röcke, Schürzen, manch eine ein Wickeltuch und hin und wieder auch eine mit dem berühmten Bowlerhut. Viel neues fürs Auge und die Wartezeit vergeht wie im Flug. Pünktlich wird der Zug betreten und meine Befürchtung bewahrheitet sich: 3-Sterne-Eisfach, wie immer. Selbst das wenige Warme, was ich besitze und vollständig trage, lässt mich in dieser Nacht frieren. Vermutlich wieder mal Programm, damit man sich ob der Sicherheit des Zuges nicht allzuviele Gedanken machen kann. Um die Betäubung zu vervollständigen läuft ein Video mit der bolivianischen Version von Ernst Mosch bzw. der Original Oberkrainer. Scheußliche Volksmusik, die nur noch dadurch getoppt wird, dass der Kameramann offensichtlich besoffen war und ständig vor und zurückzoomt, so dass es dem Zuschauer ebenso schwindlig wird wie ihm zum Zeitpunkt der Aufnahme. Der Zug trägt den Beinamen „tren de la muerte“ und das ganz offensichtlich berechtigt. Es schaukelt als befände man sich auf dem Rummel in einer Krake. Links, rechts, hoch, runter und wieder zurück schleudern wir. Eine Wanderung zum „Restaurant-Waggon“ gerät da schnell zur mordsgefährlichen Wegstrecke, zumal man über eine halboffene Brücke zwischen den Waggons laufen muss und diese durch die Schaukelei ich schätze mal bis zu 30 cm Höhenunterschied sowie ein ebensolches Maß an Abweichungen nach links und rechts aufweisen. Nie zuvor habe ich mich in einem Zug gefühlt wie auf einem Schiff bei extremstem Wellengang. 640 Km in 16 Stunden, wobei bestimmt noch einmal 300 Km an Auf- und Abbewegungen hinzukommen. Vollständig fertig, mit schmerzenden Knochen und verrenkten Gliedmaßen kriechen wir jedoch ansonsten unversehrt in Santa Cruz aus dem Zug.
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