Im Vogelpark Walsrode

Ein wenig war mir die letzten Tage ja schon langweilig geworden und meiner Kamera auch. Da bin ich froh über die Entscheidung ins Pantanal zu fahren. Ohne wirklich viel zu wissen begebe ich mich nach Empfehlungen Mitreisender in ein riesiges Sumpfgebiet, schätze mal so um die 500 Kilometer lang, in der Nähe der bolivianischen Grenze. Etwa 300 Kilometer östlich der Stadt Campo Grande geht es rechts ab über Schotterpiste auf einem LKW mitten in den Sumpf. Die Fahrt ist sehr sättigend. Öffnet man ein paar Sekunden den Mund, so hat man ungefähr drei Kilo Insekten intus und ich frage mich ob das die Vollpension sein soll für die nächsten Tage. Die Luft ist schwarz von Libellen, Mücken und sonstigem Stechgetier, welches ich gar nicht benennen kann. Artenvielfalt ist doch was wunderbares. Ein Paradies für die Vogelwelt – Nahrung im Überfluss. Über den Wassern geht spektakulär die Sonne unter. Auf der Fazenda – Estancia auf portugiesisch – angekommen gehen die Überraschungen nahtlos weiter. Ein Wildschwein erfreut sich an den Neuankömmlingen und schubbert sich fleißig den Rücken an den ganzen neuen Travellerbeinen. Ein knallroter Ara flattert ungeniert über unseren Köpfen, Falken hüpfen über den Rasen und über allem liegt ein Mordsgezeter der Vogelwelt. Wow! Ich bin im Vogelpark Walsrode angekommen und gehe mich schon auf den nächsten Morgen freuend ins Bett, sehr früh, denn draußen bei den Moskitos ist es nicht auszuhalten.

Der Morgen startet gleich mit einer Wanderung durch die Sümpfe. Mein festes Schuhwerk kann ich bereits nach 10 Minuten ausziehen. Wir waten bis zu den Knien durch Wasser und Modder. Heißen Modder – Lufttemperatur an die 40°C. Ganzkörperfango – ob ich das bei der Krankenkasse einreichen kann? Welches Getier sich wohl gerade dort unten an meinen Zehen labt? Die Schlange, die uns in den Weg springt, ist es wohl nicht. Okay, das ist wohl so im Sumpf, aber beruhigend ist es nicht. Habe mich ja gerade damit abgefunden, dass die Moskitos auf die Modemarke Autan abfahren. Je mehr Autan, desto mehr Mücken. Die Firma Bayer sollte schleunigst ihren Werbeslogan überarbeiten. Die No-Label Marken sind nicht ganz so beliebt bei den Blutsaugern. Man entwickelt irgendwann so eine Scheißegal-Haltung. Angeblich soll es hier weder Malaria, Gelbfieber noch Dengue geben. Also stecht, ihr Biester! Über den Wassern schwirrt es nur so – und zwar vor lauter Vögeln. Störche (etliche Arten), Ibisse (tausende), kleine Vögel, grüne Papageien, Kormorane in allen Ausführungen, große Vögel, Aras in rot, grün und blau, Tukane mit ihren wunderschönen gelborangenen Riesenschnäbeln und was weiß ich wie all die anderen Vögel genannt werden. Eine riesige Vogelvoliere allerdings ohne Netz – um die 500 Arten leben dauerhaft im Pantanal. Wieder etwas was meinem Erfahrungsschatz bisher gefehlt hat. Aber auch am Boden und in den Bäumen lebt es. Alle paar Meter raschelt und bewegt sich etwas. Ich sehe mein erstes Gürteltier in freier Wildbahn, Wildschweine, Waschbärfamilien (gut, die könnte ich auch in Kassel sehen) und die weltgrößte Ratte/Hamster. Etwa 75 cm groß. Den Namen hab ich vergessen, muss mir dringend ein Buch über die Tierwelt Braziliens kaufen. In den Bäumen verschiedene Affenarten, deren Männchen beängstigende Laute von sich geben. So eine Art Brüll-Stöhnen. Was immer die dort oben treiben mögen. Angeblich Revierverteidigung. 4 Stunden Spaziergang und kein Ende in Sicht im Hinblick auf neue Tiere. Leider sehen wir keinen Ameisenbaer, wie gern haette ich meine Fotosammlung um ein Bild eines Familienmitglieds der blauen Elise aus Paulchen Panther komplettiert. Mittagessen und weiter gehts am Nachmittag bei einer Bootsfahrt über einen Fluss um die Ecke. Angekündigt ist Schwimmen im Fluss. Aber in WELCHEM? Doch nicht etwa in demselben, an dessen Ufer Kaimane rasten! In dem die Leute in den anderen Booten nach Piranhas fischen!!! Doch! Zeit für meine zurückhaltende Seite. Ich beobachte das Spektakel zunächst, kann meine Neugier dann aber doch nicht zügeln und schwimme wie die anderen auch im Fluss oder besser lasse mich auf dem Autoreifen treiben, immer darum bemüht meine Extremitäten eher oberwassrig zu halten, das beste Teil sowieso, aber auch alle anderen Gliedmaßen – man weiß ja nie. Vor allem weiß man nicht ob der Kaiman, der drei Meter von mir entfernt dahingleitet, ein Opfer der globalen Bildungsmisere ist und gar nicht weiß, dass er Menschen nicht angreift. Mal ganz abgesehen von den Piranhas. Nichts passiert, außer, dass einige der mitreisenden Belgierinnen angesichts des nahen Kaimans dermaßen in Panik und Gekreische ausbrechen, dass ich mir keine Sorgen mehr ob eines Angriffs machen muss – das hält der stärkste Kaiman nicht aus – in mordsmäßiger Geschwindigkeit zieht er von dannen.

Tag zwei beginnt mit einem Ausritt hoch – oder besser halbhoch – zu Ross. Gemächlich spazieren wir durch die Wildniss, sehen jedoch bis auf die allgegenwärtigen Mücken keine Tiere. Die verziehen sich frühzeitig angesichts der aufziehenden Kavallerie. Zum Nachdenken schön, zum Schauen nicht so lohnenswert.

Spannender dann wieder der Nachmittag. Wieder auf den Fluss zum Piranha-Fischen. Und sogar erfolgreich. Sie beißen prächtig und ich ziehe drei etwa 25 cm lange aus dem trüben Wasser. Angesichts ihres Gebisses wirds mir nachträglich mulmig bei dem Gedanken, dass ich am Vortag mit diesen entzückenden Biestern gemeinsam schwimmen war. Die Zähne sind messerscharf und ich erfahre, dass unsere Führer gestern durchaus darauf geachtet haben ob wir irgendwo bluten, denn in diesem Fall finden Piranhas selbst Menschen lecker und greifen an. Weniger klug dann ins Piranhabecken zu steigen. Es ist also doch kein Märchen, dass Piranhas auch ne ganze Kuh in kürzester Zeit vertilgen können. Aber sie selbst schmecken sehr lecker – es gibt sie zum Abendessen.

Der letzte Tag beginnt vor dem Aufstehen – ein Sonnenaufgang, mal was neues. Auf den Bildern sieht er aus wie ein Untergang, naja, trotzdem schön. Eine letzte Jagd nach Großaufnahmen von einem Tukan, diesem mit großem Abstand schönsten Vogel hier, doch leider auch sehr scheu, so dass ich mich mit den etwas kleineren Aufnahmen vom Vortag begnügen muss.

Fazit dieser drei Tage. Es ist unglaublich was man so alles in freier Wildbahn zu sehen bekommt und im Hinterkopf herrscht durchgängig der Gedanke, dass das eigentlich gar nicht geht. Solche Vögel gibts doch nur im Zoo.... Zudem eine sehr angenehme Reisegesellschaft – die echten Langzeitreisenden aus aller Herren Laender.

So faellt der Abschied suess-sauer aus. Einerseits bin ich froh den Mueckenhorden zu entkommen, andererseits etwas traurig, denn es waren gewaltige drei Tage, die mir ein wenig von der verlorenen Energie der vorangegangenen Wochen zurueckgebracht haben. Nun bin ich schon wieder weitergezogen und befinde mich in Corumba, einer kleinen brasilianischen Stadt an der bolivianischen Grenze, von der aus ich morgen nach Bolivien und mit dem Nachtzug nach Santa Cruz fahren werde. 15-18 Stunden Knochenbrecherfahrt. Also: Morgen gibts schon wieder keinen Blog, aber dann hoffentlich wieder regelmaessiger....

Kommentare

Anonym hat gesagt…
Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.
Anonym hat gesagt…
lieber Jürgen, die Welt ist ein Zoo (oder war es Zirkus) und du hast einen der schönsten Plätze entdeckt. Das Leben kann ganz schön wild sein - Natur pur - in welcher Form auch immer. Liebe Grüße acuh an Barbara, falls du sie triffst Rosanna
Anonym hat gesagt…
Hey Jürgen,

ich bin fasziniert, ich denke du wirst wieder Gigabyteweise Bilder gemacht haben, da freue ich mich drauf.
Hoffe du hast die Zugfahrt gut überstanden.
Lg Christian
Anonym hat gesagt…
Lieber Jürgen,
da bekommt man ja schon den Eindruck, dass es sich doch immer wieder lohnt, aufs Land zu fahren und nicht immer nur in den Städten herumzuhängen. Offensichtlich war dieser Ausflug ja auch nicht von den Standardtouris gebucht. Auch wenn es viel Arbeit ist, die Bilder im Blog sind toll, bitte mehr!
Achim

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