Rundgang

Im Hostel werde ich wahnsinnig. Von morgens um 8 bis nächsten Morgen 2 Uhr läuft ununterbrochen Musik in Diskothekenlautstärke. Man will hier anscheinend gleichzeitig Disse spielen, damit die Bewertung der Gäste bei hostelbookers im Internet in der Rubrik „fun“ möglichst auf 100% hinausläuft, vergisst dabei jedoch, dass der Urgedanke eines Hostels eben auch ist: Schlafen! Und das ist trotz der Ohrstöpsel, bis zum Anschlag reingedrückt, nicht möglich. Da fällt der Rest der Bewertung auf dem Internetportal eben entsprechend negativ aus. Wirklich das Schlimmste was ich je an Unterkunft hatte. Aber diese jungen Hüpfer finden das anscheinend cool. Sie sehen zwar nichts von Rio, denn gefeiert wird ausschließlich im Hostel und am nächsten Tag fehlt die Energie sich vor die Tür zu bewegen, doch der Eindruck von Rio wird später sein: wow, absolute Partystadt. Und gar nicht gefährlich. Dass die Party genauso gut in Wanne Eickel hätte stattfinden können ist dabei egal.

So treibts mich trotz Müdigkeit und Dauerregen hinaus in die Stadt – egal, bloß raus aus diesem Irrenhaus. Vermuteter Vorteil bei Regen: die Verbrecher sind alle zuhause geblieben und ich kann mich mal in abgeschiedenere Gegenden herumtreiben. So stiefel ich los und erkunde heute das Rio, welches ganz am Anfang da war. Sehr schöne Straßenzüge mit historischen Bauten, die allerdings ziemlich heruntergekommen sind, aber wie schon in Sao Paulo angemerkt, erst in diesen Vierteln wird es bunt, erst hier macht die Stadt den Eindruck, dass sie exotisch ist. Ganz so menschenleer wie vermutet ist es allerdings nicht. Die Gestalten auf der Straße machen tatsächlich wenig Mut auf meinem Spaziergang und einige Male, bin ich hysterisch?, lege ich einen Gang zu. Nach einigen Kilometern schließlich im Zentrum angelangt säumen so halbe Hochhäuser die Straße, das Bankenviertel. In den Eingängen reihen sich die Obdachlosen, die Vergessenen dieser Gesellschaft, wesentlich mehr als schon in Copacabana gesehen. Das trübt das Bild von dieser Stadt schon sehr. Mir fallen wieder diese extremen Gegensätze auf und ich bin unschlüssig welches Bild bei mir überwiegt – die Schönheit oder die Hässlichkeit der Armut allerorten.....

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