Die Stadt der Rosen, ohne Wasser
Wir starten mit einem Frühstück in einem teilweise veganen Café. Nicht so einfach zu finden in einer Stadt in einem Land, in welchem dem Fleischkonsum doch noch sehr intensiv gefrönt wird. Vieles ist hier noch sehr ‚auf dem Weg‘. Der Freund vom gestrigen Abend hat prima recherchiert und diese Rarität ausfindig gemacht. Die Freundin von Emil ist Veganerin und ihre Auswahl ist in der Regel sehr übersichtlich. Immerhin gibt es erste Ansätze – zumindest in Sofia.
Der Freund ist erst kürzlich, nach vielen Jahren arbeiten in Deutschland, wieder nach Bulgarien zurückgezogen. Auch hier sind die Fachkräfte rar, da viele Bulgaren in Folge des Beitritts zur EU ihr Glück außerhalb der Heimat gesucht haben. Die Bevölkerung ist von knapp 9 Millionen auf inzwischen um die 6 Millionen geschrumpft. Und es sind häufig die gut ausgebildeten, die das Land verlassen haben. Nein, es sind nicht die von den Rassisten Deutschlands angeführten Bauarbeiter, welche die Masse ausmachen und angeblich die Arbeit „stehlen“, sondern diejenigen gut ausgebildeten, die auch hier dringend gebraucht werden und stattdessen unter anderem in Deutschland für den dortigen Wohlstand arbeiten. Für dieses Volk ein echtes Drama. Der Grund liegt oft in der großen wirtschaftlichen Not. Um die Jahrtausendwende konnte fast die Hälfte der Menschen hier nur dadurch überleben, dass sie ihre Lebensmittel im eigenen Garten anbauten. Meine Äußerungen in den vorangegangenen Blogs sprechen dieser Lage Hohn. Ja, einige Bulgaren sind sehr reich, jedoch lebt ein sehr großer Teil der Bevölkerung in Armut, die Mittelschicht ist nicht sehr groß. Die Turnschuhträger der vergangenen Tage sind ganz sicher nicht repräsentativ.
Wir fahren zum Flughafen unseren Mietwagen abzuholen, um nach Kasanlak, einer Stadt etwa 250 Km östlich von Sofia am Rande des Rosen, zu fahren. Endlich komme ich der Realität dieses Landes näher, fern vom „Prenzlberg“ Sofias.
Bergketten begleiten unseren Weg. Viele Wälder sind zu sehen, wenige Felder. Praktisch keine Ortschaften. Bulgarien erscheint in weiten Teilen unbesiedelt. Die Autobahn ist völlig in Ordnung – viele berichteten mir von den ach so schlechten Straßen. Es stimmt, sie entsprechen nicht durchweg den unsrigen Standards. Aber diese sind auch mittlerweile jeglicher Realität entrückt. Der Fahrstil ist sportlich, rechts zu überholen gesetzlich zulässig, was auch intensive Anwendung findet. Wechselt man auf mal auf links, dann wird’s ein hübscher Slalom. Fein für Motorradfahrer. So entsteht der eine oder andere Organspender.
Wir kommen dem Ort des Anlasses – der Hochzeit – näher: Kasanlak!
Der Begriff Juwel trifft es nicht wirklich, in der Ferne erhebt sich das Klischee der osteuropäischen Plattenbautenstadt. Ich assoziiere Prypjat, die Stadt bei Tschernobyl. Sehr sozialistisch, sehr osteuropäisch.
Und dennoch: ich mag es hier! Sogar sehr! Naja, zum weiteren Verweilen reicht es dann doch nicht. Dazu aber später.
Kasanlak ist die Stadt der Rosen. Hier wird Rosenwasser produziert, die Grundlage für Parfüms aller Art. Sogar ein Rosen-Festival gibt es hier im Sommer. Man ist stolz darauf. Auch Lavendel wird hier angebaut, wie auch Johanniskraut. Man bekommt sonst gar nicht mit wo das Kraut für diese Wunderpillen herkommt. Zudem ist das hier die Gegend, der jede Menge bulgarische Volkshelden und sonstige Berühmtheiten entstammen. Diese sind mir en Detail erklärt worden, aber – verzeih Emil – ich hab’s größtenteils vergessen :-)
Glüht Sofia, so ist hier eigentlich nur der Begriff „brennen“ statthaft. Es ist in Vollendung heiß! Mangels ausreichender Kommunikation habe ich zwei Nächte in der Nähe der Hochzeits-Lokation gebucht, bar des Wissens, dass die kirchliche Trauung in Kasanlak stattfindet und die eigentliche Feier an einem Ort in den Bergen an einem Fluss, 90 KM von hier entfernt. Ich finde mich damit ab dann eben viel Auto zu fahren, allerdings wächst beim Abendessen die Idee die erste Nacht dann doch in Kasanlak zu bleiben und halt doppelt eine Unterkunft zu zahlen. Mit Mutter S. und einer Freundin essen Laura, Emil und ich zu Abend. Es ist – ich erwähnte es – höllisch heiß und die Mücken martern mich. Wind gibt es nicht. Alles auszuhalten. Nicht auszuhalten ist dann aber die Nachricht, dass in fast ganz Kasanlak die Wasserversorgung in Folge einer großen Havarie zusammengebrochen ist. Ende nicht absehbar.
Die halbe Hochzeitsgesellschaft schläft in Kasanlak und vor meinen Augen entsteht das Bild einer morgen gespaltenen Gruppe, die – zur Rechten – leicht staubig, von einem kräftigen Odeur umgeben, erkennbar an den Fliegenschwärmen über den Köpfen, feiert und - zur Linken - derjenige Teil, der sich dank einer funktionierenden Wasserversorgung vollends fliegenfrei verlustiert. Ich will zur linken Seite gehören!
So fahre ich in die Berge zu
meiner gebuchten Unterkunft und bereue das nicht eine Sekunde. Es geht die
Berge hoch, die Sonne senkt sich über die mit Laubwäldern bedeckten Hügel. Über
lange Strecken kommt keine Ortschaft, dann geht es durch kleine Dörfer, die
mich an meine Kindheit bei meiner Großmutter erinnern. Storchennester
allerorten, richtige Gemüsegärten, also solche, in denen nicht Steine zur
Mondlandschaft drapiert sind, sondern Pflanzen wachsen, deren Früchte essbar
sind. Obstwiesen. Samstagabend – in vielen Dörfern wird gefeiert. Ich sehe
keine geraden Zäune, keine adrett gemähten Rasenflächen, keine Buchsbaumhecken samt
der Sorgen der Eigentümer vorm „Zünzler“. Wie lebensfremd doch meine Heimat
eigentlich ist!
Das Thermometer zeigt gut 10°C weniger an. Herrlich!
Und ich lande:
In einem Luxus-Chalet mit eigenem Jacuzzi (8-strahlig), eigener Sauna, Klimaanlage, TV und alles, was das Herz begehrt. Es ist absurd! Ich verlasse Kasanlak, um der Hitze zu entfliehen und lande in der Wildnis mit eigener Sauna und Jacuzzi. Draußen ist es frisch, irgendwelches Getier klingt nach Elch (??)
Mir sind ja schon viele Dinge passiert, aber diese Geschichte hier ist direkt in den Top-Ten gelandet.





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