Ringelreihen am Fluss bei 32°C

Die Nacht war kurz. Hat man diese Hotelausstattung, kommt man ja nicht mehr zum Schlafen, weil alles ausprobiert werden will. Die halbe Nacht sitze ich in der Sauna, die andere Hälfte im Jacuzzi.


Ich fahre zurück nach Kasanlak zur kirchlichen Trauung.

Und die ist so ganz anders als eine Trauung in Deutschland. Alle stehen, eine Bestuhlung ist auch (fast) nicht vorhanden. Das Brautpaar schreitet durch ein Spalier, gefolgt von den Trauzeugen. Alle vier tragen eine Kerze in der Hand und stellen sich vor den Altar in der Mitte des Gebäudes. Ein Priester beginnt die Zeremonie, von der ich leider nur die Handlungen mitbekomme. Die Ringe z.B. werden vom Priester zu Beginn aufgesteckt. Danach gibt es für jeden ein Krönchen, das dann immer wieder hin und her getauscht wird, bis es seine (vorläufig) permanente Position bekommt. Auf dem Kopf der Eheleute. Behalten darf das Paar die Kronen aber nicht (irgendwo habe ich das jüngst erst gesehen, allerdings mit alten Leuten irgendwo in England). Kleinere Übersetzungen werden mir ins Ohr geflüstert. Eine bleibt hängen: die Frau hat dem Mann zu gehorchen und ihn zu fürchten. Hui, in D. hätte sich umgehend irgendjemand irgendwo hingeklebt :-) Wie gesagt: ein langer Weg ist zurückzulegen.

Ein 5-köpfiger Damenchor singt mehrstimmig Kirchenlieder, eine Orgel gibt es nicht. Ganz entzückend. Von einem Hefezopf erhalten Braut und Bräutigam ein kleines Stück zu essen. Das alles ist rührend und geht unter die Haut. Zum Schluss wird der Altar mehrfach umrundet bevor vor der Kirche die üblichen Hochzeitsfotos geschossen werden.


Die Hochzeitsgesellschaft fährt nun an in die Wildnis in die Nähe meiner Unterkunft. Dort fließt ein Fluss ins Tal, es gibt einen sehr romantisch dekorierten Festplatz und ich beginne den Wunsch zu verstehen in Pastellfarben zu erscheinen. Alles wirkt sehr romantisch und durchgeplant. Manches ist mir zu chi chi, wie z.B. eine Harfenspielerin. Während bei mir hitzebedingt der Schweiß ausbricht, kommt mir bei diesen Klängen unweigerlich das Vabali, ein Wellnessparadies in Berlin, in den Sinn. Ich erwische mich dabei, wie ich mich ernsthaft nach Elfen und Hobbits umdrehe.

Aber irgendwie erfasst auch mich eine feierliche Stimmung, soweit das bei 32°C im Hitzestress möglich ist.

Nach bulgarischer Tradition erfolgt die Fütterung der Brautleute durch die Mutter des Bräutigams. Auch hier wird wieder der vorher bereits beschriebene Hefezopf gereicht. Später wird ein weiteres Brot ‚gebrochen‘. Im Grunde spielt das Ehepaar Tauziehen, um festzustellen, wer später die Hosen anhaben wird. Dazu stellen die Brautleute sich Rücken an Rücken und müssen über dem Kopf an einem Brot ziehen. Derjenige Partner, der danach die größere Hälfte des Brotes in den Händen hält, gilt als der „Hosenträger“ in der Beziehung – sorry: das „HOSENTRAGENDE“.

Es ist Ani. Mir scheint, dass die Hochzeitsgesellschaft dieses Ergebnis als authentisch einstuft und es  nicht anders erwartet hat. Immerhin ein echter Ausgleich für die Ansage von heute Morgen in der Kirche.

Aber das Brautpaar ist ganz offensichtlich sehr glücklich und strahlt den ganzen Tag.


Nach jeder Menge zeremonieller Akte entschwindet das Brautpaar, um Fotos zu machen. Dieses dauert den gesamten Sonnenuntergang an. Die Gäste speisen und trinken. Sehr gerne Schnaps, sehr gerne viel Schnaps! Ein Wettbewerb der Väter der Brautleute findet statt. Wer hat den besseren Schnaps gebrannt.

Um die Leute bei Laune zu halten, starten alsbald traditionelle bulgarische Kreistänze. Genial! Der Kreis wird riesig und man tanzt Ringelreihen. Das wird zum Selbstläufer. Alle tanzen danach freestyle weiter.

Es wird eine rauschende (arg berauschte) Ballnacht. Dem Brautpaar danke ich von ganzem Herzen für diesen für mich durch die Bank spannenden und wunderschönen Tag. Danke Familie!

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