Es gibt sie doch....
In Kanada Auto zu fahren ist unglaublich entspannend. Die Höchstgeschwindigkeit liegt regulär auf Landstraßen bei 80, in Ortschaften bei 50, oft 30, auf dem Highway meist 90, manchmal bis zu 110 Km/h. Das Erstaunliche dabei ist aber, dass sich 99,9 Prozent der Fahrer sehr strikt an die Begrenzung halten, obwohl bei einem Straßennetz von knapp 40.000 Km allein an Highways, definitiv weder Personal noch Technik in ausreichender Menge vorhanden sein dürfte das alles auch wirklich zu kontrollieren. Es gibt mitunter Hinweisschilder, dass per Flugzeug kontrolliert würde; wahrgenommen habe ich da jedoch noch nichts. Eine Verkehrsregel ist hier, dass niemand automatisch Vorfahrt hat, also z.B. rechts vor links. Entweder es ist durch Verkehrsschilder geregelt oder man muss sich einigen wer denn nun zuerst fahren darf. Das führt nach meiner Beobachtung zu viel Rücksichtnahme. An Kreuzungen stehen häufig in jede Richtung Stoppschilder. Hier gilt dann für alle zunächst anhalten und dann fährt jeder der Reihe nach. Mitunter eine absurde Situation. Sind es viele Autos hat man nach Ankunft des vierten Autos und womöglich noch jeweils zwei oder drei dahinter vollkommen den Überblick verloren. Ich hab mir einen Schreibblock zurechtgelegt, in dem ich die Autos notiere und aufliste. Das kann sich sonst ja keiner merken! Tatsächlich kommt es zu teils ewigen Verzögerungen. Zeiteffizient ist dieses System sicher nicht, aber unbedingt einzuhalten. Vor einigen Tagen hatte ich gewagt dem vor mir wartenden Fahrer direkt zu folgen. Der eigentlich vorfahrtberechtigte Fahrer hat gezetert.
Trotz vieler Wolken fahren wir heute auf die „Whistlers“, einer Bergkette, die ihren Namen den pfeifenden Murmeltieren dort oben verdankt, und die wir am Vortag aufgrund schlechten Wetters ausgelassen hatten. Die Seilbahn ist horrend teuer und leider auch horrend verspätet. Organisiert sind die hier nicht. So haben wir Zeit uns mit der Sikh-Religion zu beschäftigen. Mir ist neu, dass man dort als Mann seine Haare nie schneiden darf, da man sonst die Vollkommenheit der Schöpfung in Frage stellte.
Irgendwann sind wir dann auf ca. 2000 Metern angekommen und das Erste, was passiert ist, dass mich eine Mücke sticht. Verrückt. Auf dieser Höhe habe ich noch nie einen Mückenstich bekommen. Es sind weitere 500 Höhenmeter bis zum Gipfel. Sehr schön, aber furchtbar anstrengend. Mein Puls geht durch die Decke, die Lunge schreit, aber ich schaffe das und werde mit dem schönen Gefühl belohnt, es geschafft zu haben. Aufhören ist für mich ja nie eine Option. Der Weg runter ist etwas weniger anstrengend und vor allem geselliger. Ich treffe alte, schon längst vergessene Kumpels auf dem Weg. Viele Muskeln in den Beinen und im Gesäß hatte ich für immer verloren geglaubt. Sie sind zurück, nach Jahren der Absenz. Toll!
Auf dem Rückweg ist erneut die Tierwelt das Thema: wieder kommt uns ein kapitaler Hirsch vor die Linse, gefolgt von Dickhornschafen - den Mädels – die hoch attraktiven Herren dieser Gattung Tier lassen sich mit ihren großen, dicken Hörner leider nicht sehen. Schön, da wir dieses Tier, trotz mehrfacher Ankündigung per Straßenschild noch nicht gesehen haben. Fehlt nur noch der Bär.
Und: da ist er. Ein kleiner Bär läuft mit Affentempo über die Straße. Zu schnell, um ihn einzufangen, aber endlich wissen wir, dass es sie hier gibt!


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