Silber
Gestern Abend zog ein extremer Sturm auf, der auch am Morgen noch nicht aufgehört hat. Ich frage mich, ob alle losen Teile fest verzurrt sind. Jedenfalls schaue ich schon etwas genauer hin was um mich herum geschieht. Aber die Naturgewalten sind sehr fantastisch zu erleben. Heute sind Lions Head und Tafelberg von einer dicken Wolkenschicht belegt. Am Lions Head kriechen die Wolken langsam den Hang runter. Als wäre es ein Wasserfall kriechen die Wolken silbrig-grau den Hang herunter. In kürzester Zeit jagen die Wolken am Himmel vorbei und werden immer wieder von strahlendem Sonnenschein abgelöst. Den Tafelberg zu besuchen ist heute wieder nicht möglich. So geht es nach Bo Kaap und Kirstenbosch.
Bo Kaap ist ein kleines Viertel um die Ecke von Downtown, das ursprünglich von den Kapmalaien bewohnt worden ist. Im 18. Jahrhundert wurde diese Ethnie aus Südostasien nach Kapstadt teils als Sklaven und teils als freie Handwerker geholt. Die hier ansässigen Schwarzen waren zu der Zeit noch erfolgreich im Widerstand gegen die Europäer. Die Häuser waren als Mietshäuser weiß gestrichen und die Legende sagt, dass diejenigen, die frei lebten ihr Haus farbig gestalten konnten. So ist im Laufe der Zeit ein völlig buntes Viertel entstanden. Es leben heute noch etwa zur Hälfte Muslime in Bo Kaap, jede Menge Moscheen zeugen davon. Im Gegensatz zu anderen Vierteln wie z.B. dem District Six, ist dieses Viertel nicht planiert und deren Einwohner vertrieben worden. In den 60er Jahren hat man andere Ethnien, allen voran die Schwarzen aus Kapstadt vertrieben und verboten, dass sie hier leben dürfen.
Durch die Straßen wabert eine silberne Welle. Der deutsche Rentner ist in Massen unterwegs, erkennbar an den in den Handyhüllen eingesteckten deutschen Schwerbehindertenausweisen. Man muss ja schließlich alle Papiere und Ausweise ordnungsgemäß dabei haben. Schon ein lustiges Völkchen. Norbert Blüm, den Sozialminister der 80er Jahre würde es freuen, bewahrheitet sich doch seine dauernd wiederholte Aussage, dass die Rente sicher sei. So schlecht scheint es wohl nicht um das deutsche Rentensystem bestellt zu sein. Zudem erscheinen alle sehr rüstig und gesund. Das Gesundheitssystem mag dafür verantwortlich sein, mag aber auch sein, dass es an der Funktionskleidung liegt, die für Frische und Vitalität sorgt. Northface, Jack Wolfskin und Vaude sind die beliebtesten Marken, was wiederum einen Hinweis darauf liefert, dass es sich eher um Pensionäre als um Rentner handelt. Ich bin froh meine Jack Wolfskin Jacke heute nicht dabei zu haben und mache das, was alle machen: fotografieren. Eine Sturmböe reißt mir meinen Hut vom Kopf und der fliegt zur Belustigung der Südafrikaner weit durch die Luft. Sehr freundlich, mit diesem charmanten Lächeln im Gesicht, wird mir der Weg gewiesen, so dass ich ihn wiederfinde.
Der zweite Programmpunkt ist Kirstenbosch, der botanische Garten am Fuß des Tafelbergs. Er liegt auf der anderen Seite und da liegen die Wolken sehr tief, bis fast runter ins Tal. Sonne gibt es hier nicht und ich vermisse meine Jack-Wolfskin-Jacke jetzt sehr. Der Garten ist Anfang des 20. Jahrhunderts angelegt worden und erscheint mit der silbrig-grauen Wolkendecke mystisch. In Unkenntnis der vielen verschiedenen Pflanzen bleibt mir nur zu schreiben, dass ein Besuch absolut lohnt und es ein toller Ort ist zum Verweilen.
Durchgefroren beende ich diesen fotografisch sehr inspirierenden Tag im Sturm auf meinem Balkon.



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