Unverhofft


Nichts vorzuhaben ist schön. Einfach langsam in den Tag kommen und frühstücken. Aber erst geht es an die Körperpflege. Mein Arm und meine Schulter rechts sind voller roter Erhebungen, von mir zunächst fälschlicherweise für eine Allergie gehalten. Es ist wohl doch eher so, dass in der Matratze reges Leben herrscht und ich gehe von Bettwanzen aus, in der Regel hinterlassen sie Stichreihen, so dass das immer an die Schnittmusterbögen von Burda erinnert. Hier sind das allerdings eher einzelne Haufen, so dass eher wie Brailleschrift aussieht. Was immer die Botschaft sein mag,‚Guter‘ oder ‚Blödmann‘, es interessiert mich nicht, doch nervt es kolossal, zumal unsere gemeinsame Zeit noch eine weitere Nacht dauern wird.

Ein paar Dinge für die Reise ab Dezember kann ich erledigen, ein wenig nachlesen, wo ich eigentlich bin und wie es hier ist. Oft komme ich dazu gar nicht. Ich bin eher so, dass ich hinfahre und schaue. Dabei verpasst man sicher das eine oder andere, aber anders als auf meinen früheren Reisen habe ich nicht mehr den Anspruch alles zu sehen und zu machen. Wer sich vorstellt das Reisen sei langweilig und man hätte viel Leerlauf – dem ist mitnichten so.

Um angesichts der Fehlanzeige bei den Ausflügen nicht ganz umsonst ins Okavango-Delta gefahren zu sein, fahre ich einfach los ins Blaue. Zunächst zur Tankstelle mit dem üblichen Service, den ich leider nur in namibischer Währung als Münze vergelten kann, was der Tankwart höflich zurückweist, da er die Münze nicht gewechselt bekommt. Schade, ich hätte ihm gern etwas gegeben. Leider ist Botsuana im Hinblick auf Bezahlung fast vollständig durchdigitalisiert und ich habe kein Bargeld. Auf jeden Fall bin ich daraufhin Tankstellengespräch. Es wird viel botswanisch geredet und in meine Richtung gegrinst. Hmpf.


Die Idee eine andere Lodge, die näher am Nationalpark liegt, anzufahren, ist keine gute. Die Straße wird zunehmend unbezwingbar, immer mehr Vertiefungen mit kleinen Sanddünen bereiten mir Sorgen. Im Kopf krakeelt mein Schutzengel: NICHT langsamer werden, NICHT anhalten, UMDREHEN! Aber um umzudrehen, muss ich doch schließlich anhalten! Mit Plan B im Kopf - Fußmatten vor die Reifen – wende ich schließlich problemlos, ohne mich festzufahren. So fahre ich etwas aus der Stadt heraus Richtung Osten, kehre aber bald wieder um, da nicht so viel Neues zu sehen ist und alle Nationalparks unzugänglich ohne Allradantrieb sind. An einem Supermarkt halte ich an und habe sofort eine Parkwächterin, der ich erst einmal lang und breit erklären muss, welches Problem ich im Hinblick auf die Währung habe. Sie sagt sie würde auch südafrikanisches Geld in Banknoten akzeptieren. Dass ich nur große Banknoten habe, störe sie nicht: sie akzeptiere auch viel Geld. Das weiß man ja nicht!

Ich komme auf die Idee ihr anzubieten etwas einzukaufen, was sie benötigt. Und dann geht es los! Innerhalb kürzester Zeit rezitiert sie eine Monats-Einkaufsliste für eine 10köpfige Familie. Bei der Fernsehshow der 70er Jahre „Am laufenden Band“ gab es immer einen Korbsessel und das Fragezeichen, hier leider nicht, und da meine Gedächtnisleistung nicht die beste ist, bleibt bei mir nur ‚Tütensuppen‘ hängen. So bekommt sie zwei Knorr-Tütensuppen: Ochsenschwanz/Zwiebel und Beef/Onion. Ich denke, dass sie da einen guten Schnitt gemacht hat. Und ich habe heute gelernt, dass Knorrsuppen in Botsuana erhältlich sind und gar als Währungsersatz dienen. Da sage mal jemand man erlebte nichts an einem tourenfreien Tag.


Als ich in mein Resort zurückkomme, empfängt mich das holländische Paar von gestern Abend. Deren Tour für morgen ist geplatzt, da sie sich mit dem Tourguide überworfen haben. Sie sollten plötzlich Fantasiepreise zahlen. So richtig klar gemacht hatte er den Preis im Vorfeld nicht. Da können einem schon verrückte Zahlen in den Kopf kommen. Und so – törööö! – fahren wir morgen zu dritt vom Resort aus. Zwar dennoch nicht sehr günstig, aber es täte mir in der Seele weh nicht auf eine Tour gegangen zu sein. Ich hatte die Tour schon abgeschrieben. Unverhofft kommt oft.

Für heute Abend heißt das: komplett alles schon gepackt haben, früh ins Bett und den Wecker auf 05.00 Uhr stellen.


Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Delinquenten

Tartarugas

Einkaufsbummel