Das große Fressen
Aufstehen um 5.30 Uhr mal wieder. Heute ist das kein Problem, da ich gestern völlig erschossen um 9.00 Uhr im Bett lag und geschlafen habe. Das Frühstück ist höchst lecker und ich würde ihm eigentlich gerne mehr Aufmerksamkeit schenken, aber ich bin ja nicht zum Spaß hier. Um 6.30 Uhr startet die heutige Safari. Da die Mushara-Lodge fast direkt am Eingang des Etoshaparks liegt, ist es nur eine kurze Fahrt und wir sind mittendrin. Kurz ist hier relativ. Mit einer Jacke wäre es kurz gewesen, ohne aber ist es so frisch, dass es sich wie eine Ewigkeit anfühlt. Bis 10.00 Uhr friere ich.
Den Tieren gefällt es und sie zeigen sich in Massen. Kudus säumen den Weg, Zebraherden stehen auf der Straße und sind bis zum Horizont vertreten, selbiges gilt für Gnus. Andauernd glotzt eine Giraffe interessiert aufs Auto. Einzelne Elefantenbullen wandern durch die Savanne. Wir entdecken einen Schakal – genauer einen Schabraken-Schakal, der gerade den hinteren Teil eines großen Hasen verspeist. Er scheint ihn selbst gejagt haben, was eigentlich unüblich ist, da Schakale sich eher auf die Überreste von z.B. Geparden verlassen. Die fressen soviel sie können und verschwinden dann, weil sie keine Lust auf Konflikte mit anderen Tieren haben, die durch den Blutgeruch angelockt werden. Alles dreht sich ums Fressen.
Die Regenfälle der letzten Zeit haben dafür gesorgt, dass der Tisch so langsam wieder gedeckt wird. Einzelne kleine Wälder erstrahlen in frischem Grün. Ein Fest für die Elefanten, Giraffen, aber in unteren Etagen auch für die Impalas, Springböcke, Zebras, Gnus usw. Das wiederum wird zum Fest für die Großkatzen. In Sichtweite eines Wasserlochs liegt unter kleinen Bäumen im Schatten ein Rudel Löwen. Wir sehen drei männliche Löwen, einer alt und einer jung sowie eine Löwin. Alle haben leichte Blutspuren und scheinen gerade zu verdauen.
Für sie ist es wie in einem Sushirestaurant mit einem Laufband zu sitzen. Als Löwe wartet man, bis der richtige Teller erscheint, jagt kurz und legt sich dann wieder gepflegt in den Schatten. Derweil stehen am Wasserloch höchst verängstigte Zebras, Gnus und Impalas und überlegen sich mehrfach, ob sie es wagen sollen zu trinken und dadurch eventuell das Schicksal des Onkels, Bruders, Vaters oder eines anderen Mitglieds der Familie, das gerade verdaut wird, zu teilen, oder ob sie es lieber bleiben lassen sollen. Der Durst obsiegt irgendwann immer und so bleibt der Tisch für die Löwen reich gedeckt. So hat hier jeder sein Feld und fast alle müssen sich überlegen, wie sie möglichst nicht auf dem Teller landen.
Die Zebras stehen oft in entgegengesetzter Richtung, um Feinde frühzeitig zu erkennen. So machen es auch die Flusspferde, deren Feind manchmal das Krokodil ist. Sie stehen oft sternförmig und können so alle Richtungen überblicken. Der Elefant ist relativ sicher, bevor jemand durch die Haut durch ist, ist er plattgetrampelt.
Die Oryx-Antilope läuft immer frühzeitig los, wenn auch nur der Hauch von Gefahr im Anmarsch ist. Aber wir haben Glück und sehen zwei aus der Nähe. Dem Rhinozeros ist es gleich, es ist ähnlich mächtig wie der Elefant. Zunächst sehen wir das Breitmaulnashorn (White Rhino) nah im Busch, so dass es schlecht abgelichtet werden kann, dann jedoch sehen wir es in voller Größe und gut sichtbar in der Graslandschaft stehen, ohne Horn. Es wird nicht gefressen, dafür aber getötet, um sein Horn an potenzschwache, überwiegend chinesische Männer zu verkaufen. Nashörner sind immer wieder von der vollständigen Ausrottung bedroht aufgrund des Aberglaubens man könnte der Flaute in der Hose mit Nashornpulver beikommen. So versucht man, indem man die Nashörner sozusagen ‚enthornt‘ die abergläubischen Männer quasi zu ‚entmannen‘. So zumindest dürften die das sehen.
Gegen Mittag sind wir zurück in der Lodge und für mich geht es direkt weiter zu meiner nächsten Unterkunft mit dem für das heutige Thema so treffenden Namen „Halali“. Es sind knapp 89 Kilometer, die ich am Nachmittag mit meinem Wagen dann selbst durch den Park fahre. Es sind weniger Tiere als morgens, weil die meisten die Gluthitze irgendwo im Schatten verbringen. Vereinzelt läuft eine Giraffe am Horizont durch die Weiten Afrikas. An einem Wasserloch habe ich dann Glück und kann eine Gruppe von Elefanten bei der Körperpflege beobachten. Es sind drei Kühe mit Kälbern und zwei Halbwüchsige. Dazu tummeln sich drei Giraffen und trinken, was sehr unbeholfen aussieht.
Es wirkt bei ihnen eher wir das große Besäufnis. Eigentlich komme ich an Eindrücken mehr als gesättigt im Camp an, aber da die hier ein künstliches Wasserloch mit abendlichem Flutlicht haben, muss ich natürlich gleich weiterziehen und dort auf einer Tribüne sitzend mich praktisch der Völlerei hingeben. Auf das Notebook schauend verpasse ich fast den Sonnenuntergang, da dort die deutsche Zeit angezeigt wird. Ich komme schließlich gerade so an, dass ich das Wasserloch mit Sonne dahinter erwische, ohne dass Tiere darin wären. Und dann geht es los: der Aufmarsch der Giganten. Eine Gruppe von 12 Tieren spurtet zum Wasser, der erste Elefant mit einem markerschütternden Getröte.
Die Planscherei ist gerade im Gang, da kommt die zweite Gruppe. Wieder so viele Tiere. Und damit nicht genug; Gruppe 3 marschiert ins Wasser und die Party explodiert förmlich. Es wird getrunken, gespritzt, gekabbelt. Ich zähle 35 Tiere und bin völlig fassungslos. Ich befinde mich nicht mehr in dieser Welt. Während die Sonne weiter versinkt - wen interessiert das noch?? - erscheint ein Nashorn auf der Bühne. Sofort bauen sich drei stämmige Mutterkühe vor diesem auf. Man mag sich offensichtlich nicht. Schon gar nicht, wenn die Zeitfenster nicht eingehalten werden. Irgendwann darf das Spitzmaulnashorn dann auch ein Schlückchen trinken.
Und hier die Korrektur dessen, was ich oben geschrieben habe. Es gibt wohl doch einige Nashörner, deren Hörner nicht abgenommen sind. Ein prachtvolles Exemplar zeigt sich. Leider muss ich zum Abendessen. Es fällt sehr kurz aus, so dass ich schon bald wieder am Wasserloch sein kann. Etwa 50 Leute sitzen dort, alle fasziniert, alle einschließlich der Kinder ohne das geringste Geräusch zu machen. Und unten trinken 8 Nashörner, zwei Zebras, irgendwann ein Elefantenbulle und schließlich als Krönung erscheint ein Leopard auf der Bildfläche. Ich habe die Big Five gesehen! Es ist alles schwer beeindruckend.



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