Falsch
Hatte ich schon einmal erwähnt wie schwer es mit jeweils fällt die Unterkünfte zu verlassen? In jeder einzelnen kann man es sich gut und gerne mindestens drei Tage gut gehen lassen. Was hilft's, immer weiter. Am Kontrollposten, gleich hinter dem Camp, wird kontrolliert, ob man tierische Lebensmittel dabei hat. Wie schon in Botsuana sorgt man sich sehr, dass Seuchen aus der wilden Tierwelt auf die domestizierten Tiere überspringen, der Veterinärzaun soll das verhindern. Hier werde ich zudem gefragt, ob ich zwei Anhalterinnen mitnehmen würde. Klar, kann ich machen. Wer denn und wohin? Am Zaun steht eine junge Schwarze, auf die der Kontrolleur deutet. Sie müsse in die Klinik, 40 Km entfernt von hier. Und schon sitzen im Auto zwei Damen und ein Kind. Die zweite Frau ist ein Himbafrau und so schaue ich 40 Kilometer lang im Rückspiegel auf eine blanke Damenbrust, die auf der Schotterpiste fröhlich Purzelbäume schlägt. Begleitet von großen Kinderaugen, die den Blick nicht mehr von mir nehmen.
Nun habe ich mit diesem Körperteil allgemein extrem wenig Erfahrung. Schon allein deshalb fühlt es sich fremd, absurd an. In den hysterischen Zeiten, in denen wir in Europa leben, fühlt es sich dazu noch SEHR falsch an. In meinem Kopf trage ich mich schon in die Liste der MeToo-Verfolgten ein und lege mir Argumente zu meiner Verteidigung zurecht. Im Auto riecht es, als säße man direkt am Lagerfeuer. Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass die Körperhygiene der Himbas neben dem Einfetten auch noch darin besteht, dass man sich praktisch räuchert, um Ungeziefer zu bekämpfen. Diese Dame hat das sehr akribisch durchgeführt. Die schwarze Namibierin spricht ein wenig englisch und so wird die Fahrt sehr lustig und kurzweilig. Großer Pluspunkt für Sie: als ich ihr die Antwort auf die Frage wie alt ich sei gebe, lacht sie höhnisch auf und bezichtigt mich der Lüge. Ich würde sie überall hinfahren :-)
Nun fahre ich allein weiter durch die rötlichen Tafelberge hier überall. Diese werden abgelöst von vereinzelten Dünen, um dann wieder zu Tafelbergen, jetzt aber in weißlich-beige zu wechseln. Ich lande in Twyfelfontaine, einen von einem deutschen jüdischen Siedler 1946 gegründeten Ort an einer Wasserquelle in der Wüste. Dort fand man Felszeichnungen, von denen man annimmt, dass sie bis zu 5000 Jahre alt sind. Auf den Felsen sind alle Tiere der Gegend und ihre Fußabdrücke zu finden.
Es wird vermutet, dass diese als Lehrmaterial und zur Kommunikation dienten. Im Grunde sehr alte Schulbücher. Kurz, knapp und effektiv - kein Chichi. Die Dame, die mich hier herumführt beantwortet mir viele meiner Fragen, nicht nur zu den Zeichnungen. Es folgt der Stopp am "versteinerten Wald". Bevor die Welt in den Strudel des Klimawandels geriet, standen hier riesige Wälder aus Nadelbäumen. Dann, ausgelöst durch den Klimawandel, folgten Eis und schließlich Dürre, die Wälder starben, die Stämme wurden luftdicht abgeschlossen, somit konserviert und über die Zeit mineralisiert. Das war vor etwa 500 Millionen Jahren. Geschichte wiederholt sich. Interessant ist das Gespräch mit meinem Guide. Er hat Touristik studiert und wurde von der namibischen Regierung hierher in die Wüste versetzt. Die Vergabe der Stellen erfolgt zentral, er fühlt sich hier falsch und wünschte sich woanders zu sein. Er hat mein Mitgefühl.
Das Kulturprogramm endet für heute und vor mir liegen noch 150 Kilometer Schotterpiste. Am Straßenrand wieder eine Autopanne, dieses Mal nicht der Reifen. Ich sende ein Stoßgebet zum Himmel. In Khorixas, der nächsten größeren Ortschaft, tanke ich und gehe in den Supermarkt. Der selbsternannte Autobewacher wird selbstverständlich entlohnt und ruft mir, als ich losfahre, ganz hektisch hinterher. Auf dem Boden, wo das Auto stand, ist ein großer nasser Fleck. Benzin, Öl? Er ist in nullkommanix unter dem Auto verschwunden und taucht mit nassen Fingern wieder auf. Oooch nö!!!
Geschwind werde ich zur 100 Meter entfernt gelegenen Autowerkstatt geleitet, wo sich 6 Personen quasi noch während ich rolle unter das Auto schmeißen und die Ursache in mordsmäßiger Geschwindkeit feststellen: Die Benzinleitung ist defekt. Schnell die Autovermietung angerufen, das ok bekommen und schon hört man nur noch: dengel, kloing, klong, dong, dengel, kracks und in einer halben Stunde ist der Spuk vorbei und ich abfahrbereit. In Deutschland hätte allein die Terminvergabe 2 Stunden gedauert.Nach weiteren 70 Kilometern muss ich auf den Berg hinauf. Die Steigung ist so stark, dass ich ernsthaft befürchte mit dem Wagen eine Rolle rückwärtszumachen. Zur Ermutigung steht am Straßenrand: "die schwierigsten Straßen führen zu den schönsten Ausblicken" Manchmal weiß man nicht, ob die sich lustig machen wollen.
Aber sie liegen damit nicht falsch. In meiner Unterkunft 'Ugab Terrace Lodge" schaue ich aus meiner Hütte direkt ins Tal und bin mittendrin. Der helle Wahnsinn. Sonnenuntergang direkt vor meiner Nase und man hört überhaupt nichts, so dass mein Tinnitus fröhlich Urständ feiert. Eine riesige Hütte, eigentlich besser Haus, steht mir für zwei Tage zur Verfügung und ich weiß schon jetzt, dass die Abfahrt schlimm werden wird.


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