Termine, Termine
Gestern am späten Abend klopft es noch an der Tür und Martha, die Angestellte bzw. eigentlich gefühlt eine sehr resolute Geschäftsführerin, der ich nicht zu widersprechen wage, bringt mir meine Wäsche, die ich ja eigentlich bereits vor dem Abendessen abgeholt haben sollte. Auf mein: ich hätte sie morgen früh geholt, antwortet sie: Morgen hätten Sie die doch genauso vergessen! Kennt die mich? Ich fühle mich ertappt!
Heute ist volles Programm. Am Morgen ein Spaziergang, dann Frühstück, 450 Km mit dem Auto, einchecken und sofort auf die Safari. Noch vor dem Frühstück startet der Spaziergang. Wir treffen uns um 06.45 Uhr. Und ‚wir‘ heißt: eine Reisegruppe mit 10 Landsmännern und ich sowie der Guide. Alle sind ultrapünktlich, nur ich Schlunz verspäte mich um geschlagene 3 Minuten, was mir peinlich ist. Und alle sind im topaktuellen Safarilook gekleidet. Khaki und Olivgrün, perfekte Tarnung. Niemand wird uns auf der Tour sehen können. (an dieser Stelle: @Reisegruppe: Gruß nach Krautsand!)
Der Guide ist etwas schüchtern, aber total nett. Er erzählt einiges über den Fluss und das Leben der Menschen drumherum, stellt uns die einzelnen Bäume vor. Am Fluss sind kleine Gärten mühsam angelegt, die von Gestrüpp (häufig Dornensträucher) eingefasst sind. Weniger gegen Diebe als vielmehr gegen die Flusspferde, die sonst alles komplett auffressen würden. In der Mitte wird ein Loch gegraben, so dass das Grundwasser dort direkt abschöpfbar ist. Es ist die einzige Möglichkeit in der Trockenzeit Gemüse zu ernten, Bewässerungen sind für die Leute unbezahlbar. Bis Dezember funktionieren diese Gärten. Dann steht alles unter Wasser bis April und erneut muss der Garten mühsam wieder angelegt werden.
Aber niemand beklagt sich, denn der Fluss und der Regen sind die Lebensadern. Das Wasser wird vom Fluss bezogen und niemand hat ein großes Interesse daran etwas zu ändern. Firmen wie Nestle versuchen immer wieder den Menschen Angst einzujagen, dass sie unbedingt gutes Wasser trinken sollten, sie krank würden und lobbyiert für eine künstliche Wasserversorgung. Das wäre der Moment, ab dem das Leben noch teurer für die Leute werden würde. Sie begäben sich in die Abhängigkeit. Und das Leben ist so schon schwierig genug. Um heiraten zu können bedarf es zum einen das Einverständnis der Brauteltern und zum anderen genug Vermögen in Form von (möglichst) weiblichen Rindern. Als reich gilt hier, wer 50 Stück Vieh besitzt. Damit eröffnet sich auch die Option den Bestand an Ehefrauen zu erweitern, drei davon bekommt man für 20 Rinder. Damit ist es dann aber nicht allein getan, es gilt dann auch drei Hausstände zu gründen, da die Konflikte bei fehlendem physischen Abstand zu groß würden. Der männliche Teil der Gruppe wird aber hellhörig und so manch einer mag bereits heute konkretere Pläne zum Auswandern schmieden.
Etwas länger als geplant dauert der Spaziergang, so dass ich im Turbo frühstücke und losfahre. Martha hätte wohl recht behalten: die Wäsche hätte ich vergessen!
Auf der Strecke muss ich heute durch eine Polizeikontrolle. Sie wollen den Beleg dafür, dass ich für das Auto Einreisegebühr bezahlt habe und meinen Führerschein. Premiere: es ist das allererste Mal in meinem Leben, dass jemand meinen internationalen Führerschein angeschaut hat. Die Polizisten sind ungemein freundlich und ich fahre entspannt weiter. Je weiter ich komme, desto mehr verändert sich die Szenerie, Der Baumbestand verändert sich, Palmen ragen auf und eine Menge riesiger Termitenhügel erstrecken sich bis zum Horizont. Immer mal wieder mache ich einen kurzen Fotostopp, einmal kommt mit einem Affenzahn ein Mädchen zu mir gelaufen, freudestrahlend. Sie hat den Wettlauf gewonnen, die anderen folgen. Zum Glück habe ich mich gestern mit Keksen eingedeckt.
Auf der Straße weiterhin Ziegen, Esel und Rinder, am Himmel Schäfchenwolken. Im Radio finde ich heute einen deutschen Sender, in dem es um wirtschaftliche Belange geht. Ich erfahre viel, so z.B. dass der Durchschnittslohn im Jahr hier bei c. 3.300 Euro liegt, der Mindestlohn derzeit noch bei 1.200 Euro im Jahr. Solche Zahlen beleuchten vieles, z.B. das Problem mit der Bewässerung. Besonders spannend ist, dass der Experte klingt als käme er aus Hamburg. Die Nachrichten werden sehr langsam, sehr getragen, völlig unhysterisch und vor allem sachlich (!!!) vorgetragen. Ein Genuss! Ein wenig wie vor 40 Jahren in Deutschland. Keine Jingles, kein Gequake, keine Dramatik und das Beste: 100% genderfrei. Man hört die Nachricht und kann selbständig darüber nachdenken und zu einer Meinung kommen. Kurz kommt auch mir der Gedanke auszuwandern – NUR aus eben beschriebenem Grund!
Hinter Grootfonteine fängt es an hügelig zu werden und kleinere Bergketten erheben sich. Alles etwas grüner, vereinzelt sehe ich Orangenbaumplantagen. Ich schaffe es um 14.00 Uhr in der Lodge am Etosha-Park anzukommen und erfahre, dass meine Tour erst morgen früh stattfinden wird. Das ist etwas ärgerlich, da ich mir gern unterwegs mehr Zeit genommen hätte. Der Ärger verfliegt aber blitzschnell als ich die Lodge genauer inspiziere. Das ist hier Highend-Übernachten! Manches Mal fühle ich mich deplatziert und bin ganz ehrfürchtig, was an Luxus so alles möglich ist. Mitten im Busch und ohne Abgrenzung zur Tierwelt steht hier dieses Luxusresort mit Swimmingpool, Lounge, Restaurant und allem, was das Herz begehrt. Auf dem Rasen laufen Warzenschweine herum, durch den Busch galoppiert ein Impala. Mein Bungalow hat eine Terrasse, von der ich mitten in den vollständig ausgetrockneten Busch schaue. Ich verlasse das Zimmer nur noch mit der Maglite 😊
Es donnert und siehe da: es
regnet, zumindest so viel, dass der Boden auch nass wird. Zum Abend wird im Garten eingedeckt, wunderschön. Kurzerhand wird viel geschoben und umgebaut und es geht drinnen weiter.




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