Das wahre Leben...
… findet NICHT in den Touristenresorts am Strand statt, sondern wenige Kilometer entfernt von den unnatürlichen Partymeilen mit ihrer unerträglich lauten Musik und dem unehrlichen Geschäftsgebaren von Touristen und Einheimischen. Nämlich dort, wo die Leute zuhause sind.
Seit heute habe ich einen Motorroller und entfliehe dem Touristenquatsch und komme den Menschen in diesem Land/auf dieser Insel dadurch näher. Naja, zunächst der Polizei, was man ja eigentlich nicht will. Die hält mich an und verlangt nach internationalem Führerschein, nationalen Führerschein, Sansibar-Führerschein, Fahrzeugpapiere. Der Impfausweis wird nicht verlangt. Ein Gekrame! Sehr zum Leidwesen des Polizisten habe ich tatsächlich alles vorschriftsmäßig dabei und kann auch problemlos weiterfahren. Nur, um kurze Zeit später die gleiche Prozedur wieder über mich ergehen lassen zu müssen. Am Nachmittag, bereits auf dem Rückweg zum Hotel folgt die dritte Überprüfung und ich frage höflich, ich kann es mir nicht verkneifen, ob meine Hautfarbe eine Rolle spielt. Ein charmantes Lächeln bestätigt mich in meiner Vermutung. Solange es keine negativen Folgen hat….
In Stonetown durchlaufe ich die uralte Geschichte der Insel. Die Omanis haben hier jahrelang Sklavenhandel betrieben und auch die hier heimischen Gewürze für sich entdeckt und mit denen ebenfalls gehandelt. Die Spuren sind überall zu finden. Zwischendurch waren auch mal die Portugiesen hier und wurden von den Engländern abgelöst. Die Altstadt ist im Grunde eine alte arabische Handelsmetropole. Da ich wenig bis keine Ahnung von Architektur habe und den Bohei um alte Steine selten nachvollziehen sag ich mal, wird schon stimmen. In den Nordafrikanischen Städten, in denen ich war, sah es jedenfalls ähnlich aus.
Die Stadt gehört zum Unesco-Welterbe, an vielen Stellen ist sie dringendst sanierungsbedürftig. Viele Wände werden nur noch durch Stützbalken vor dem Einsturz bewahrt. Aber es laufen tatsächlich allerorten Bauarbeiten. Sich in der Altstadt zurechtzufinden ist schier unmöglich. Es ist ein totales Labyrinth. Ohne Googlemaps befände ich mich nächstes Jahr noch immer darin. An einem kleinen Souvenirladen halte ich Ausschau nach interessanten Dingen, als ein Wolkenbruch losgeht, so dass ich dort ausharre. Der junge Shopbesitzer bietet mir von seinem Essen an und wir kommen ins Gespräch. Es folgen über drei Stunden Plauderei über Gott und die Welt, Afrika, Kolonialismus, Schwarz und Weiß in allen Facetten, Wirtschaft, Zukunft und so weiter. Spannend seine Ansichten zum Kolonialismus, von dem er meint, dass er unvermindert anhält, nur heute viel subtiler. Passt der UN oder sonst wem irgendetwas nicht, dann wird an der Geldschraube gedreht und dann muss Afrika halt das machen, was verlangt wird. Gespräche, genau so, wie ich sie liebe. Man kann mir 10 Traumstrände im Tausch anbieten, ich bevorzugte dieses eine Gespräch. Vor lauter Rederei vergesse ich die Zeit, komme aber ganz beseelt aus dem Laden, nachdem sich der Regen schon längst verzogen hat und der Tag sich dem Ende neigt. Weiter Dinge in Stonetown muss ich auslassen, um im Hellen das Hotel zu erreichen. Muss ich wohl noch einmal dorthin. Aber wen interessieren schon alte Steine?



Kommentare