Jungs sind anders
Nachdem gestern die Probe stattgefunden hat, starte ich heute für zwei Tage auf einen Treck mit Pferd und Übernachtung in einem kleinen Dorf am Berg. Start ist 9.00 Uhr und ich wundere mich, dass dort drei Pferde stehen. Eines, das größte der drei, tänzelt etwas nervös herum, eines ist offensichtlich Packpferd. Ich soll das große, tänzelnde Pferd besteigen. Ooookay, dann mal los! Leider ist hier das autonome Fahren noch nicht ganz ausgereift. Gleich nach Durchschreiten des Tores lerne ich eine der Eigenarten dieses Pferds kennen, es weicht gern mal ab, geht sozusagen eigene Wege. Das kann ja was werden! Im Wesentlichen folgen wir den anderen beiden Pferden, doch urplötzlich finde ich mich auf einem durchgehenden Pferd wieder, das schöne saftige Gräser in einiger Entfernung erblickt und ohne weitere Absprache entschieden hat, dass es doch viel spannender dort wäre. Mit viel Mühe halte ich mich oben und schaffe es dann sogar meinen Willen durchzusetzen: Anhalten und langsam wieder in Reih und Glied reiten. Das Ganze findet übrigens vor einem höchst amüsierten einheimischen Publikum statt und es gibt Szenenapplaus. Hinsichtlich der Haltung gibt es aber noch Abzüge in der B-Note.
Dann gibt es andauernd ‚Stolperer‘. Da hat jemand partout keine Lust auf diesen Trip! Ich befolge Regel Nummer eins, ähnlich wie beim Motorradfahren: ich bleibe oben. Wie gestern geht es bergauf und bergab durch traumhafte Landschaft mit einzelnen Dörfern, Maisfeldern, Flüssen und strahlendem blauen Himmel. Und wer quert den Fluss genau dort, wo er möglichst tief ist? MEIN Pferd! Und ich bin nass bis zu den Knien. Dankbar bin ich, dass es nicht noch angefangen hat zu schwimmen. In der Mittagspause fällt mir auf, dass unter meinem Pferd etwas baumelt. Es ist ein Junge! Das erklärt sooooo viel. Jungs sind anders und das war vom ersten Moment an merkbar. Also vor dem Aufsteigen immer erst unten nachschauen. Dann kann man sich darauf einstellen. Kurz nach dem Mittag reiten wir durch ein Dorf, in dem gerade Maismehl produziert wird. Bevor ich das sehe, hat der Junge schon in Gang zwei, Trab, geschaltet. Aber nicht mit mir! Souverän schaffe ich es den Herrn wieder in die Spur zu bringen. Erneuter Szenenapplaus, dieses Mal begleitet von einem anerkennenden Nicken meines Guides. Stolz!
Allmählich nehmen die Eskapaden ab, Müdigkeit bei allen Beteiligten. Kein Wunder bei dieser Leistung. Man hat den Eindruck auf einem quasi unermüdlichen Muskel zu sitzen, der Großes leistet und ohne Probleme selbst große Steigungen und kleinere Felsen und Geröll hochkommt. Oft denke ich, dass ein Streckenteil unmöglich ist, aber er schafft es ohne Probleme.
Im Dorf erhalte ich meine Hütte, sie gehört dem Dorfchef. Zwei Matten auf dem Lehmboden, ein Plumpsklo draußen
zur alleinigen Nutzung. Mehr Plumpsklos gibt es nicht. Alle anderen gehen in die Büsche. Strom und Wasser gibt es ebenfalls nicht. Wasser immerhin kann man an einer Quelle holen. Der Kaffee, den wir uns kochen, fühlt sich entsprechend wie der größte Luxus an. Vereinzelt springen Kinder herum, ein Junge hütet seine Ziegen vor meiner Haustür und schaut ganz neugierig. Gemeinsam verdrücken wir eine Pack
ung Kekse, wobei ich mich eigentlich komplett raushalte. Er hat eine uralte Anglerhose an, seine Arbeitskleidung. Er wirkt wie 8 oder 9 Jahre alt, ist aber tatsächlich bereits 13. Die Erwachsenen sind alle noch auf den Feldern und kommen erst nach Sonnenuntergang zurück. Der ist mal wieder spektakulär, eine Farbexplosion. Mein Guide und ich machen Abendessen und erzählen eine Weile. Er ist ganz aufgeregt, denn in den nächsten Tagen wird die Gegend um die Malealea-Lodge an das Stromnetz angeschlossen. Die Lodge selbst hat Generatoren und Solarstrom, alle anderen leben bis dato ohne Strom.
Was macht man abends ohne Strom: ins Bett gehen. Vereinzelt noch Kindergeschrei, Kuhglocken und brüllende Esel und dann kehrt vollständige Ruhe ein. Ich höre absolut nichts mehr!





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