Changes
Heute endet meine 10monatige Reise durch die Welt, der Flieger geht in wenigen Stunden. Drei Mal bin ich kurz zu Besuch in Deutschland gewesen, um kleinere Dinge zu erledigen und die Familie und Freunde wiederzusehen. 263 Tage, incl. Ab- und Rückreisetagen, war ich auf 5 Kontinenten in 16 Ländern unterwegs. Ich habe wieder unglaublich viel gesehen und erlebt, wenig ist schief gegangen, ich bin nie bestohlen oder überfallen worden und es gab auch sonst kaum knifflige Situationen, in denen es schlimm hätte enden können. Aber wie schon mein ganzes Leben lang hat auch dieses Mal mein Schutzengel auf mich aufgepasst und er hat großartige Arbeit geleistet. Ich bin der festen Überzeugung, dass ich mit ihm gesegnet bin. Bis auf kleinere Blessuren ist nichts gewesen, was erwähnenswert wäre.
Die Welt hat sich verändert, für mich ganz direkt heißt das, dass sich einige der durch die Kalorien im heimischen Fernsehsessel über Jahre verursachten Flurschäden (12 kg) verflüchtigt haben, ich komme ‚begradigt‘ zurück und habe Teile von mir quasi in vielen Teilen der Welt gelassen. Ein sehr angenehmes Gefühl, das aufrechtzuerhalten sicherlich einige Anstrengung erfordert. Das ist der physische Teil von mir.
Der psychische Teil von mir kommt jedoch sehr nachdenklich zurück. Die Welt ist im Wandel - in jeglicher Hinsicht. Wohin auch immer ich gefahren bin, mit wem auch immer ich mich dort unterhalten habe: Sehr viele spielen entweder mit dem Gedanken wegzugehen, in ein anderes Land, in dem ihre Chancen auf ein Leben in Sicherheit und frei von Armut höher sind, oder sie befinden sich schon in den konkreten Planungen. Auf meinen Einwand, dass es in Europa und den USA nicht einfach sei diese Chancen zu erhalten und man auch dort am unteren Rand der Gesellschaft leben würde, lautete die Antwort unisono, dass man lieber dort arm sei. Eine Antwort, die meine unendliche Naivität/Dummheit entblößt. Zwar habe ich nicht den Eindruck, dass sich die Lebensverhältnisse in den Ländern des Südens im Vergleich zu meiner letzten langen Reise vor 16 Jahren verschlechtert haben, eher im Gegenteil, hygienische Bedingungen und medizinische Versorgung scheinen in den meisten Ländern wesentlich besser geworden zu sein. Jedoch ist es heute leichter tagtäglich die Dinge zu sehen, die woanders möglich (und vermeintlich besser) sind. Youtube, Instagram und Co lassen grüßen und natürlich ist das tägliche Elend weiterhin zugegen. Daher verstehe ich jeden Einzelnen, der sich deswegen auf den Weg macht und bewundere ihn sogar dafür. Was das für Europa und die USA bedeutet, können wir uns alle, so glaube ich, überhaupt nicht vorstellen.
Wahrscheinlich haben sich aber auch mein Blick auf diese Welt und meine Wahrnehmung verändert und ich sehe mehr Elend. Die Tatsache, dass ich bei dieser Reise über ein wesentlich höheres Budget verfüge als jemals zuvor, zeigt natürlich erst recht die (unverschämt) große Diskrepanz zwischen meinem luxuriösen Leben und der mich allerorten umgebenden Armut. Mehrere Male hatte ich intensivere Einblicke in das konkrete Leben der Menschen. Das Gefühl, tagtäglich einen (aussichtslosen) Kampf zu führen, um zu überleben, nicht zu wissen, was man am nächsten Tag essen kann, nicht zu wissen, dass und ob man überhaupt irgendwo wohnen kann, kein Geld für Hilfsmittel wie Brillen, Gehhilfen oder Medikamente zu haben, zermürbt. Die Pandemie hat in den meisten Ländern fatale Auswirkungen gehabt und die Probleme verschärft. Erholt hat man sich davon bis heute nicht. Diese Geschichten im Fernsehen oder Kino zu sehen ist eine Sache, sie hautnah mitzuerleben eine andere. Es fühlt sich übel an, es tut weh und wird mich sicher noch lange begleiten.
Aus dieser Perspektive werden alle Probleme im durch sämtliche Einkommensschichten hindurch dekadenten Deutschland furchtbar klein, erbärmlich gar, was ich gerne noch steigern würde, allein, es fehlt mir ein Wort dafür.
Die Welt ist kleiner geworden durch das Internet, leichter, wenn man das nötige Geld hat. Aber die Welt ist bereits jetzt lebensfeindlicher geworden. Die Waldbrände in Kanada, die extreme Dürre in Botswana, Namibia, Kolumbien, Kuba, die Extremtemperaturen in Thailand und Botswana – eigentlich an allen Orten, die ich besucht habe. Ein Teil davon hängt wohl mit El Niño in diesem Jahr zusammen, jedoch bestimmt nicht in diesem Ausmaß. Ändert sich nichts, so wird sich die Weltbevölkerung komplett auf den Weg machen.
Als ich letztes Jahr losfuhr, konnte ich mir nicht vorstellen erneut so lange am Stück zu reisen. Da waren diese Gedanken, wie: Wozu das alles? Ich habe doch schon alles gesehen. Was soll da noch Aufregendes kommen?
Gekommen ist vieles: Ich habe wieder Unglaubliches erlebt, spannende Dinge gesehen, insbesondere in Afrika. Ich fühle mich wieder vital und habe das Gefühl zu leben, mich wieder zu spüren, ich weiß wieder, dass es immer noch so viel zu sehen und zu erleben gibt. Vor einiger Zeit hat mich in einer kulturellen Veranstaltung die Frage aufgerüttelt: „Wann hast Du das letzte Mal etwas zum ersten Mal gemacht?“. Mir wurde damals klar, dass das schon eine Weile her gewesen war.
Das alles könnte man tatsächlich auch vom heimischen Sofa entdecken („erleben“). Das Internet ist voll von Filmen und Bildern mit den Geheimtipps der Länder, aber gerade deswegen gibt es keine Geheimtipps mehr. Die Welt ist bis in den letzten Winkel erkundet und erforscht (lässt man mal die Tiefsee außer Acht). Es gibt keinen schönen Ort, der nicht von Touristenhorden überlaufen wäre. Ist das ein Problem? Für mich nicht. Tourismus heißt auch immer, dass die erforderliche Infrastruktur vorhanden ist. Zimmer, Busse, Restaurants, organisierte Touren. Ich muss es nicht haben irgendwo im Nichts ohne Basisversorgung einen Sonnenuntergang anzuschauen. Mal abgesehen davon, dass es für mich inzwischen altersbedingte Limitierungen gibt. Dank Internet reist man inzwischen immer an Orte, die man von Massen an Bildern bereits kennt. Man gleicht quasi die Realität mit den Bildern ab. Das ist nötig, denn bei Fotos kann man so wunderbar die Wirklichkeit zurechtschneiden und dank Bildbearbeitung Farben, Helligkeit usw. verändern, so dass eigentlich fast jeder Ort der Welt zum Paradies wird. Aber: vor Ort sieht man das ganze Bild. Das ist dann nicht immer so wirklich paradiesisch, allerdings immer noch wunderschön, denn es gibt ja noch die Gerüche, die Mimik und Gestik der Menschen sowie die Geräusche. All das können Fotos nicht ersetzen, ob bearbeitet oder nicht.
Eine Gefahr besteht darin, dass man, gerade weil es so einfach geworden ist zu reisen, versucht ist ALLES sehen zu wollen. Das habe ich recht schnell abgelegt und mich stattdessen an den Orten erfreut, die ich dann wirklich gesehen habe. Auf diese Weise war ich fast durchgehend frei von Erwartungen (und den oft daraus folgenden Enttäuschungen). Die wesentliche Route hatte ich zwar überwiegend im Kopf, was ich dann aber tatsächlich gemacht habe, das habe ich oft dem Zufall überlassen. Über weite Teile meiner Reise war ich wirklich tiefenentspannt. Dank der heutzutage üblichen Fitnesstracker kann man das sogar in Zahlen ablesen.
Kurz: ich hatte ein großartiges Jahr, weit schöner und intensiver, als ich es mir zu Beginn hätte vorstellen können. Im Wesentlichen sind es die Menschen auf dieser Welt, die dafür gesorgt haben. Ich danke ihnen für ihre Freundlichkeit und ihr Lächeln.
Dennoch: ich komme sehr bewegt zurück, die Welt ist nicht fair. Einmal unten, (fast) immer unten. Alle jemals unternommenen Versuche daran etwas zu ändern, scheinen gescheitert, z.B. in Südafrika nach dem Ende der Apartheid, aber auch, oder vielmehr gerade, im sozialistischen Kuba, wie ich es zum Ende meiner Reise sehen und erleben konnte. An keinem anderen Ort als Kuba habe ich die Welt als ungerechter und ärmer erlebt. Was ist die Lösung? Ich weiß es nicht, ich weiß nur für mich, dass es an der Zeit ist etwas zurückzugeben. Das versuche ich bereits seit einiger Zeit zu tun und werde das intensivieren.
Aber: es war wunderschön und ich komme beseelt und vor allem in tiefer Demut und Dankbarkeit zurück nach Deutschland und freue mich auf Euch, meinen kleinen erlesenen Kreis an Lesern, die mir ein Jahr in diesem Blog treu geblieben sind.
Durch Euch hatte ich die Energie zu schreiben, wobei mich diese zum Ende hin etwas im Stich gelassen hat und ich mitunter recht ideenlos Inhalte zusammengestückelt habe. Nun, indem ihr mitgelesen habt, ergeben sich vielleicht Gespräche und Fragen und ich selbst kann auf diese Weise noch einmal, dann in Eurer physischen Präsenz, gedanklich zusammen mit Euch reisen.
Ich komme wegen Euch gerne zurück, obwohl es mir auch ganz weh ums Herz wird die Reise zu beenden. Bis gleich.
PS: Panama habe ich mal wieder verpasst. Ein kleiner Zwischenstopp auf dem Flughafen zählt nicht. Vielleicht beim nächsten Mal. Dann brauche ich wohl aber die Tigerente oder vielleicht auch einen Bären, die/der mich auf meinen Reisen betreut. Vielleicht dann doch einfach organisierte Busreisen???





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