Montevideo
Tagsüber erscheint Montevideo extrem verlassen, was sich jedoch nach Einbruch der Dunkelheit ändert. Dann herrscht plötzlich, nun, nicht dichter Verkehr, aber weit mehr als am Tage. Die Hauptstraße der Altstadt ist der Magnet für Touristen und Uruguayesen (oder wie auch immer die sich nennen). Mehrere Casinos und Clubs mit so einfallsreichen Namen wie „Lolita“ laden zum stilvollen Verweilen ein. Mein Ziel sollen Orte der Liberalität werden. Leider habe ich keinen Stadtplan und muss den im Internet recherchierten Plan so halbwegs im Kopf behalten. Na, ist nicht so schwer, denn die Altstadt ist zum einen schachbrettartig angelegt, wie in so vielen Städten, was die Orientierung erleichtert und zum anderen ist sie von drei Seiten durch den Atlantik/Rio de la Plata begrenzt. So richtig v
erlaufen kann man sich also nicht. Das erste Ziel ist schnell gefunden, doch gibt es weder ein Schild an der Strasse, noch eine Klingel oder eine offene Tür. Mission misslungen. Das zweite Ziel finde ich zwar, auch ohne Schild, doch um 0.00 Uhr ist hier noch geschlossen. Nee, das muss ich nicht haben und mache mich gemächlich auf zum Hotel zurückzukehren. An der Avenida 18. de Abril, Hauptstraße und Straße, in der ich wohne, stehen alle paar Meter Riesenberge von Doppelklappstühlen. Ich vermute schwer, dass das für den Karneval gedacht ist. Hoffentlich, denn dann habe ich von meinem Balkönchen, der nach vorne raus geht, beste Aussicht und kann selbst Kamelle schmeißen oder gar Eintritt nehmen für diese so exponierte Lage. Der Sonntag verläuft gemütlich mit Kaffee und Medialunas (verschiedene Gebäcksorten) und einem hübschen Spaziergang durch die Altstadt bei strahlendem Sonnenschein. Dabei entdecke ich zufällig einen Platz zum Gedenken an die homosexuellen Opfer von Diskrimierungen und der Verfolgung unter den Nationalsozialisten. Bin ich wirklich in Südamerika in der Machokultur? Nie hätte ich gedacht, dass mir gerade hier in Uruguay dieses Thema so offen und häufig begegnet. Auch der Theme
nbereich Nationalsozialismus ist hier relativ oft anzutreffen. Jedenfalls liegen in den Buchläden jede Menge Bücher dazu auf den größten Ausstellflächen herum. Wahrscheinlich eine Aufarbeitung für die ganzen deutschen Einwanderer während und nach dem Krieg.
Montevideos Stadtbild erscheint als eine Mischung aus osteuropäischen, sozialistischen Großbauten, die nicht gerade hübsch sind, kleinen alten, sehr hübschen Kolonialbauten sowie großen kolonialen Protzbauten, die ein wenig an die nationalsozialistischen Gebäude erinnern. Ganz merkwürdig anzuschauen. Alle paar Meter gibt es einen Kiosko, an dem man ansatzweise nachholen kann, was man im Club „Lolita“ am Vorabend verpasst hat. Höchst erstaunlich was dort so alles verkauft wird. Das ist mir schon in Buenos Aires aufgefallen. Ein separater Beate Uhse Shop wäre hier schleunigst bankrott, kann sich die Kundschaft doch ganz einfach an den Kiosken mit allem was das Hardcore-Herz begehrt versorgen („darfs auch etwas mehr sein?). Ebenfalls überall im Stadtbild anzutreffen sind so eine Art Blechwohnwagen, an denen Hamburger und Fritten verkauft werden. Auch das erinnert sehr an sozialistische Staaten mit ihren Grilletta- und Broilerbuden. Die Uruguayenos scheinen derweil alle noch zu schlafen, es ist wieder menschenleer. So langsam glaube ich, dass es sich um nachtaktive Wesen handelt.
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